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Bericht von der Ersten Interdisziplinären Fachtagung zu Himmelfahrt 2006 in Dargun

Von. Dr. Thomas Buske

Nach dem Grußwort der Stadt Dargun durch den Bürgermeister, Herrn Graupmann.Einführung zur Veranlassung und Erläuterung der Einladung durch den Evangelischen Kirchenbauverein:

Wenn Sie sich hier in der Kloster- und Schloßanlage umschauen, werden Sie sehr schnell und wohl auch ausnahmslos mit uns den Eindruck teilen, wie wichtig es ist, gerade hierher zu einer solchen Tagung einzuladen, die bewußt auf jede etwa vorgefertigte Thematik verzichtet und stattdessen erneut wieder jenseits aller fachspezifischen Definitionen die universitäre Gemeinsamkeit in Lehre und Forschung, also die Öffnung gegenüber allem immer wieder nur zu vorschnell verschulten Denken und seinen so auch zumeist – und auch kaum bemerkt – ideologisch geprägten, aber in Wahrheit stets ungenügenden Ergebnissen in der Wissenschaftsgeschichte, wachrufen möchte.


Dargun, Klosterkirche und anschließender Schloßsüdflügel von Südwest, J. KORNERUP, 27. August 1875, in: NATIONAL MUSEUM OF DENMARK / NATIONALMUSEET K0BENHAVN (Afdeling Oldtid og Middelalder),
The Antiquarian-Topographical Archives, (Ant. Top. Arkiv), Blatt Nr. 6538. Abb.n. Christine Kratzke, Das Zisterzienserkloster Dargun, (Michael Imhof-Verlag) Petersberg 2oo4

Bilder von der Tagung 2006 in Dargun, Fotostrecke

 

Und so fallen für uns hier zwei Aufgaben zusammen:

Mit der Stadt Dargun, die uns durch das Zuvorkommen ihres Bürgermeisters,
Hr.Graupmann, hier Gastrecht gewährt, teilen wir das für uns jedenfalls
unabdingbare Interesse, diesen Ort – die Darguner Kloster und Schloßanlage gegen
alle 1945 hereingebrochene Zerstörung wieder mit umfassendem Leben auch in
Analogie zu der ursprünglichen Bestimmung aufs neue zu füllen, und wir es also
eben nicht bei den Ruinen belassen wollen, auch wenn die großen Gönner eines
solchen Vorhabens erst noch gefunden werden müssen. Und sich hierin der
offenbar kaum noch zu überbrückende Hiatus auftut, daß im Unterschied zu den sehr eingängig anzuwendenden technischen und naturwissenschaftlichen Aktivitäten, für die eigentliche Grundlagenforschung, wie sie allein in den Geisteswissenschaften überhaupt methodisch getrieben und als Korrektiv aller Wissenschaftlichkeit stets neu zu entwickeln war, kaum noch Verständnis zu wecken ist – ja sogar im universitären Bereich inzwischen selbst der „Stoff“ in den „Geisteswissenschaften“ (historisch, kritisch, objektiv… dargestellt) nach in sich selbst verschränkenden Arbeitsweisen geordnet und so „Philosophie“ und erst recht die Theologie um ihren unverwechselbaren Stellenwert gebracht werden würden.
Das Denken und der Ursprung zur Befreiung zum Denken sich mithin in der Selbstentfaltung von „Ordnen und Erfinden“ verlieren mußte, und so nicht mehr in der Lage war, sich nämlich auch zugleich und in sittlicher Einheit und Verantwortung zu dem schöpferischen Vorgang einer „transzendentalen Apperzeption“ (Kant) zu erheben vermochte.
Der Durchbruch vom Sichtbaren zu dem in der Unmittelbarkeit des jeweils Einzelnen Verschlossenen wird mithin gar nicht mehr (aus welchen Gründen auch immer) versucht, sondern solche Dimension viel lieber in entsprechende und unverbindliche Denkgebilde projiziert. Denn diese Wahrheit über sich selber war viel zu herausfordernd. Nemo seit… (Pred 9 1): Kein Mensch, der schon die Liebe und den Haß desjenigen kennte, den er vor sich hat, geschweige denn die Abgründe seines eigenen Selbst – und eben immer ohne jegliche auch nur irgendwie begreifbare substantia; Begriffe also doch nur „Produkte des Denkens“ sind – und nichts anderes (und also auch keine „ontologischen“ und einem anderen a n zu demonstrierbaren Wahrheiten – aber im übrigen gerade dann genau auch solche „Wahrheiten“ stets das Kennzeichen aller totalitären Herrschaftsformen waren und sind / K.H.Haag). Oder mit Luther: Auch der Geist ist nur „Fleisch“ und sonst nichts und fiele darum genauso unter das Urteil Gottes.
Der Mensch also stets auf die Affinität der creatio ex nihilo (dem Geheimnis des Handelns und Schaffens Gottes) geworfen und in solcher Gleichheit sein Ich (Pflicht, Wahrheit und Erkenntnis) als allein selber ganz zu verantwortende Ebendbildlichkeit Gottes zu erkennen hatte… Ich bin… (und wie es etwa in der skandinavischen „Persönlichkeitsphilosophie“ dann später auch ausgesprochen wurde, während in Berlin zur gleichen Zeit Hegel und Schelling alles neben sich ignorierend „geistes“- und wortgewaltig abzutun versuchten). Also nie: Wo ist Gott und wie könnte er das Böse überhaupt zulassen, sondern warum tun solches Menschen und versagen in der Bewährung des Unglücks…
Übersehen wird und wurde, daß erst mit der christlichen Verkündigung das in sich selbst gefangene „heidnische“ Denken überwunden wurde.
Im Gegensatz zu allen „Grundpfeilern“ der Logik lernten Menschen seither, daß „Widersprechendes“ sehr wohl zusammengedacht werden konnte und keineswegs das „principium exclusi tertii“ der Wirklichkeit entsprach (A oder Nicht-A, ein Drittes ist ausgeschlossen – aber genau das mußte mithin coram deo nun keineswegs mehr richtig sein).
Welche erkenntnistheoretischen Konsequenzen auch darum mit den dogmatischen Aussage wie: Jesus Christus – wahrer Mensch und wahrer Gott in einem und zugleich (oder dann auch ähnlich in den trinitarischen Formeln) und erst recht in der Heilslehre „gerecht und Sünder“ in einem und zugleich (das „Simul“ der lutherischen Rechtfertigungslehre), verbunden sind, wird aber als entscheidener und gerade auch unerläßlicher und theologischer Beitrag zur Wissenschaftsmethodologie kaum noch gesehen.
Das Denken in Mehrdimensionalität und in sich zum Teil sogar überschneidenden Funktionsabläufen, die „Zeitraum-Verschränkungen“ der „biblischen Geschichten“, chronologisch und ebenso zugleich auch vom Ende her (man erinnere sich nur an das Bildprogramm von Chartres), wird kaum noch gewagt oder gar als umfassende Lebenswirklichkeit eingestanden wie auch: Das B u c h, es entstand erst und allein aus dem Vollzug des christlichen Gottesdienstes; die Unmittelbarkeit der Aussage wurde so erst mit dem Buch schlechterdings überhaupt möglich (erst jetzt konnte so jede Stelle unmittelbar und direkt aufgeschlagen werden) – im Gegensatz zu der bis dahin üblichen „Rolle“ (und niemand fragte bislang: welche wohl auch gar nicht zu leugnenden operabelen Einschränkungen es nun aufs neue für das „Denk en“ bedeutete, wenn auf dem Bildschirm eines Computers der Text genauso auch nur noch wiederum hin- und her- geschoben werden konnte, wie ursprünglich bei antiken Schriftrollen).
Und als mit dem gotischen Zeitalter es dann auch durchgängig üblich und entdeckt worden war, endlich auch leise lesen zu können (was bis dahin eben auch u n – denkbar war), begann die „Aufklärung“ in dem nur eigentlich einzig berechtigten und so auch überhaupt zu postulierenden Sinne.
In der kunstgeschichtlichen Literatur liest man es denn auch – das dafür am häufigsten bereits im Mittelalter und der Scholastik benutzte Wort clarere, clarus, clarificari usw. Der gebrochene Christusleib am Kreuz war so zur„Epiphanie“(oder eben zur„Aufklärung“)über die allein Menschen zufallenden, aber eben auch nie zu erzwingenden Erkenntnismöglichkeiten des hier zum Denken und zum „Ich Selbst“ herauf geforderten und bereiten Menschen geworden.
Die Bilder dazu verdanken wir überdies der Hlg. Birgitta von Schweden. Ohne ihre Revelationes wäre etwa der Isenheimer Altar und der dort zu erschauende Christus nicht möglich geworden; aber auch jenes andere Bild: Die Mutter Gottes kniet anbetend vor ihrem Neugeborenen, wie im Empfang der sakramentalen Gegenwart Gottes „in Jesus Christus“.
In der seit einem Jahrtausend unbestrittenen ökumenische Einheit der abendländischen Litanei (und wie wir sie nachher auch im Abendgebet benutzten werden) heißt es, daß „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen (Ps 85 11); es ist die Lesung zu Maria Verkündigung am 25.März; und dazu hatte kein geringerer als Bernhard von Chairvaux (und wir befinden uns hier am Ort eines ehemaligen Zisterzienserklosters) eine Predigt geschrieben. – Aber wer von den Theologen oder Kunsthistorikern durchschaute noch so etwas… : Um 17oo ist in der Rostocker Marienkirche der große barocke-protestantische Hochaltar errichtet worden – und dort war eben nicht ein „übliches protestantisches Bildschema“ verwendet worden, sondern über die Jahrhunderte und eben auch die lutherische Reformation hinweg -genau diese Predigt vom Bernhard von Clairvaux dargestellt.
Wann wird also die evgl. Kirche wieder in der Lage sein, sich selbst in Auftrag und wahrer eigener Geschichte – und eben auch darin dann dieses als die ihr nur einzig gebotene Predigt, und eben nicht nur von damals, nun aber auch unverkürzt wieder zu entdecken, nämlich wie auch darin nur wiederum für alle unauswechselbar und stellvertretend das Schicksal des ganzen öffentlichen Lebens umschlossen war.
Von Wolf gang Böckenförde (ehemals Heidelberg) stammte das zwar in den letzten Jahren oft zitierte, aber kaum jeweils weiter hinterfragte Wort, daß nämlich auch das politische Gemeinwesen (eines parlamentarischen Rechtsstaates, wie wir ihn kennen und wollen) von Voraussetzung lebte, die es sich nicht selber setzen könnte und genau darin eben für immer unverzichtbar auf die Kirche mit ihrem apodiktischen Auftrag angewiesen ist und war; und so auch alle „freie“ Wissenschaftlichkeit nur allein hierin ihren Ursprung finden konnte. – Schon der Umgang mit dem z.T. noch übereich vorhandenen Kulturgut in den Kirchen, auch hier überall im Lande und den Gebäuden selber, wird erweisen, was wir hier im Besonderen schuldig sind und für immer bleiben werden.
Es bleibt eben stets bei jener Schuldigkeit des „suum cuique“, wie es auch der Apostel (Paulus) beschreibt, und dessen Schüler nicht ohne Grund auf den frühen Bildern der Christenheit das weiße Gewand mit dem schwarzen Kreuz trugen: „So gebet nun jedermann,was ihr schuldig seid…(Rml3 7).
Nicht, was würde mir werden und mir gar endlich zu eigen gegeben oder worauf ich einfach ein Anrecht hätte, sondern allein: was hätten wir anderen zu deren Heil und nicht bloß zum äußerlichen Wohlergehen etwa vorenthalten. -Auch Luther hatte es erst lernen müssen – nicht: Wie bekomme i c h einen gnädigen Gott, sondern in Anfechtung und Widerständen, die Welt endlich mit den Augen Gottes sehen, und also nur noch „um Gottes Willen“ leben und also in der Affinität zur Gleichheit Gottes dann auch handeln zu müssen…
In Anlehnung an die ebenbildliche Berufung aus einer creatio ex nihilo, wie es Menschen als cooperatores dei vor allem Anfang immer schon zugewiesen war und ist, konnte darum auch der nicht erst in der jüngeren Geschichte dann oftmals völlig verzeichnete „Deutsche Orden“ (Ordo fratrum hospitalis Mariae Theutonicorum lerosolymitanorum ) bereits auf dem Konzil in Konstanz 1414/18 gegen alle immer wieder erneuerten Anfeindungen sich mit dem Satz verteidigen: „Wir haben einen Staat geschaffen aus dem Nichts“ (nämlich aus dem Schöpfungsursprung Gottes).
Denn ohne diesen Urspung, wir werden schon im
Voraus jeder pflichtgemäßen Aufgabe gegenüber scheitern; …und was uns darum hier fehlte – nämlich diese Läuterung, sie blieb alleine noch übrig – das Eingeständnis: Wir sind unnütze Knechte, wir haben nur getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17 lo).
So bleibt die uns darum in nichts entlastende
Erinnerung und Mahnung, wie es der Apostel wiederum sagte: Oder meintest du etwa, daß unser Unglaube schon je Gottes Glauben auch nur irgendwie aufheben könnte (Rm 3 3).
Oder wie es in einem schwedischen Kirchenlied von Einar Billing (Bischof von Västeräs) um 1922 hieß:
O Herre, sa tro du för mig… Herr, glaube für mich….

Die Beiträge auf der Tagung werden, solange eine Buchveröffentlichung noch nicht finanziell möglich ist, nach Eingang der Manuskriptvorlagen durch die Autoren auf dieser Internetseite nachzulesen sein:
Abweichend vom vorgesehenen Programm, wie es allen Mitgliedern, Freunden und Förderern zugegangen war, hat Johannes Voss /Schwerin zusätzlich über die gestalterischen Bildvorlagen in der kirchlichen Kunst referiert. – Frau Schmelzer mußte leider ihren angekündigten Vortrag über Lettner-Nutzung anhand mittelalterlicher Quellen aus familiären Gründen absagen.

 

 

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