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Bengt Arvidsson

Die Dreieinigkeitslehre – dogmatische Polemik oder christliche Erbauung

Die Dreieinigkeitslehre (oderTrinitätslehre ) wird häufig in der christlichen Dogmatik als Streitfrage dargestellt. In der Entwicklung des christlichen Glaubens wurde die Lehre als Abgrenzung gegen Andersgläubige verstanden. In erster Linie stand die Lehre zwar im Gegensatz zum Judentum und später zum Islam, aber auch innerhalb der alten christlichen Kirche entstanden bald Auseinandersetzungen zwischen sehr verschiedentlichen Richtungen, wie die der „Monarchianer“ des 2.und 3. Jahrhunderts im Gegensatz zur (kanonischen) Lehre der Dreieinigkeit Gottes; und diese Zwistigkeiten verschärften sich noch weiter während des 4.Jahrhunderts, als die ökumenischen Konzilien von Nicaea 325 und in Konstantinopel 381 die kirchliche Dreieinigkeitslehre gegen den Arianismus bestätigten. – Im Jahrhundert der Reformation kämpften dann die Lutheraner ähnlich auch gegen unitarische und antitrinitarishe Richtungen. Adam Neuser (153o- 1576), der eine radikal antitrinitarische Theologie vertrat, soll wegen seiner antitrinitarischen Neigungen sogar zum Islam übergetreten sein. – Heute legte man zwar bei interreligiösen Gesprächen kein so großes Gewicht mehr auf die Dreieinigkeitslehre, doch bleibt für die Geschichte der christlichen Kirche die Dreieinigkeitslehre gleichwohl etwas Problematisches innerhalb der Dogmatik.

Doch was bedeutete die Dreieinigkeitslehre für Christen persönlich, und was hatte diese Lehre im alltäglichen Leben zu bedeuten? – Um dieser Frage nachzugehen, greife ich im Folgenden u.a. auf die altlutherische Erbauungsliteratur zurück.

Eine grundlegende existentielle Frage für jeden Menschen ist nämlich eben immer, ob Gott sei oder nicht und w e r ER überhaupt ist. Doch in erster Linie waren das nie intellektuelle Überlegungen sondern zutiefst Fragen der Seele. So betete Augustin: Mein Herz ist unruhig in mir, bis es Ruhe findet in dir, o Gott. – Die Überzeugung, daß Gott sich in der Schöpfung offenbare (cf.Rm 1 2o) ist zwar allgemein, die aber gleichzeitig auch in Schwierigkeiten und Krankheiten sehr wohl durchlebt werden mußte. Das Leiden und die Bosheit in dieser Welt erweckte dabei zusätzlich das Zweifeln, die Unschlüssigkeit und das Gefühl der Verlorenheit. Die äußere Welt genügte eben nie, um einen wirklichen Gottesglauben zu erfassen. Hier mußte unsere Wirklichkeit durchbrochen werden oder wie es im Johannes-Evangelium beschrieben wurde (C.3): Nikodemus kam zu Jesus bei der Nacht und sprach zu ihm: „Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gottt gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“. Und das dann auch gegen einen solchen Einwand galt, inwieweit Jesus auch wirklich von Gott in diese Welt gesandt worden sei. Denn entscheidend ist und blieb immer allein die Fortsetzung der Rede Jesu: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen“. Und schließlich noch deutllicher: „Es sei denn, daß jemand geboren werden aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen“. Die Richtung zielte also vom Äußeren auf das Innere. Denn nur das Geistliche und eine entsprechende Dimension unseres Daseins sind allein die Voraussetzungen, Gott selber zu begegnen. Denn diese Differenz zwischen „Fleisch“ und „Geist“ war unaufhebbar: „Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; und was vom Geist geboren ist, das ist Geist“. Irdische Dingen stehen und standen eben immer im Gegensatz zu den himmlischen, wie: „Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage“.

Den Evangelien und dem christlichen Glauben zufolge geschieht also das Durchbrechen der verschiedenen Dimensionen unseres Daseins stets allein durch den Menschensohn: „Denn niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich des Menschen Sohn“. Aber sich damit wie von selbst auch die Frage, wer denn und wo dieser Menschensohn somit auf Erden erschienen sei… und also auch die äußerliche Geschichte mitsamt aller biblischen Überlieferung, ob nun in Bethlehem oder Jerusalem aufdrängen mußte. – Wendeten wir uns hingegen aber dem altlutherischen Erbauungsschriftsteller Johann Arndt (1555-1721) zu, begegnete uns diese Geschichte dann kaum noch als historisch, sondern als Umbruch der menschlichen Seele im Besonderen. Es ist deshalb bezeichnend, daß Arndt schon in der Einleitung seines Buches „Vom wahren Christentum“ das Bild Gottes im Menschen auch als Gleichförmigkeit der menschlichen Seele mit Gott und seiner heiligen Dreifaltigkeit verstand. Das Hineinbrechen des Himmlischen auf Erden geschähe also, mit anderen Worten, so auch auf individuelle Weise in der Seele eines Menschen. Es ist und war somit immer schon ein innerlicher Prozeß, und der nur auf geistliche Weise ermöglicht werden konnte. Denn auch in der menschlichen Seele wollte Gott sich mit seiner Dreieinigkeit offenbaren, die sich so gleichsam in drei fürnehmlichen Kräften, dem Verstand, dem Willen und dem Gedächtnis widerspiegelte. Nur die heilige Dreifaltigkeit „zeuget und bewahret, heiliget und erleuchtet und schmücket und zieret dieselben Kräfte mit ihren Gnaden, Werken und Gaben“. – Für Arndt stand also die Dreieinigkeitslehre auch in einem Verhältnis zum inneren Leben eines Menschen, und in diesem Zusammenhang dann auch im weiteren mit dem neuen Leben des Menschen, der „Nachfolge“ überhaupt. Das bekannte Wort von Johann Arndt „Christus hat viele Diener, aber nur wenige Nachfolger“ drückte überdies diese Verbindung eines innigen Christentums mit eben einer solchen ebenso tief-innigen Frömmigkeit aus, die mithin so nur noch aus dem Bild dieses einen und dreieinigen Gottes im Herzen erwachsen konnte: „Daraus erscheinet, daß sich die heilige Dreyfaltigkeit im Menschen abbildet, so daß in dessen Seele, Verstand, Willen und Hertzen, ja in seinem ganzen Leben und Wandel, eitel göttliche Heiligkeit, Gerechtigkeit, Gütigkeit erscheinen und leuchten: gleichwie in den heiligen Engeln eitel göttliche Liebe, Kräfte und Reinigkeit ist“. Und nur dieses Bild des dreinigen Gottes im Herzen verwandelte und erneuerte mithin zum neuen Leben, und das war und ist vor allen stets die Abzweckung auch einer Dreieinigkeitslehre gewesen, daß nämlich der Mensch Gott kennenlernte, und wie dieses dann schließlich auch die Veranlassung zu einem heiligen Leben würde.

Der Kirchenvater Athansius (295-373) verknüpfte so zum Beispiel in erster Linie die Dreieinigkeitslehre mit der Inkarnation und der Erlösung durch Christus; sie bildete für ihn die Grundlage der Heilsgeschichte, der freudenvollen Botschaft von Ostern, der Auferstehung von den Toten und der alles Verstehen übersteigenden Hoffnung zum Leben für einen Christenmenschen. Die neue Geburt im Geist Gottes versetzte mithin auch Nikodemus genauso in Erstaunen wie uns, und wir ihm darin auch nichts zuvor hätten, als es ihm Jesus sagte: „Bist du ein Lehrer in Israel und weißt das nicht?“ – Denn ohne den Heiligen Geist Gottes war es unmöglich (Joh 14 26). Denn nur „der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch erinnern, was ich euch gesagt habe“. Und wie würden wir dann schon eher glauben als etwa Nikodemus, wenn Jesus etwa nur schon „von irdischen Dingen“ sprach.

Nie ist es eben leicht, diese Welt und die irdischen Dingen zu begreifen. Angesichts der großen physischen und metaphysischen Fragen müssen wir häufig innehalten. Denn wie sollte schon etwas aus nichts entstehen oder tote Materie lebendig werden, und sich seiner eigenen Existenz bewußt werden können? Ein Christ vertraute hier jedenfalls auf Gott, den Vater und seinen Schöpfer mit den Worten des Paulus (Rm 11 33f.): „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte, und wie unausforschlich seine Wege! Denn wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas zuvor gegeben, daß ihm wieder vergolten werde? Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen“.

Bei nicht wenigen altlutherischen Erbauungsschriftstellern ist darum auch die Schöpfungslehre auf den Liber-Naturae-Gedanken gegründet. Das bedeutete, daß die Natur nicht nur ein Zeichen für die Existenz Gottes sei, sondern auch im tieferen Sinne Gottes Wesen und Eigenschaften widerspiegelte. Die ganze Natur also ein Buch, in welchem Gott sich offenbarte. Früh entstand so eine Physikotheologie im lutherischen Bereich, nämlich die Vorstellung: Von Gottes Offenbarung auch in der Schöpfung (cf.Rm 1 19.2o): „Denn was man von Gott weiß, ist ihnen offenbar; denn Gott hat es ihnen offenbart, damit daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit wird ersehen, so man des wahrnimmt an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt“. In der ganzen Natur – sowohl in den großen Zusammenhängen wie auch in den kleinen und unansehnlichen Dingen – erscheinen so Analogien zu den Eigenschaften Gottes, und seiner Dreieinigkeit. – Der Pfarrer zu St.Peter in Magdeburg M.Johannes Pomarius gab so etwa 1586 ein Erbauungsbuch „Christlicher und Ehrliebender Freuchen und Jungfrauen Lustgärtlein“ heraus.; ein Buch, das der sogenannten Hortulus-Animae-Literatur angehörte. Anhand von Gartenanlage und den Pflanzen wird in diesen Büchern so Glaubensunterricht erteilt. Auch Pomarius behandelte deshalb in seinem Buch u.a. die Dreieinigkeitslehre etwa ausgehend von den Stiefmütterchen: Jedes Blumenblatt hätte ja drei Farben: weiß, gelb und Violett. Diese Farben sind zwar gesondert und doch zugleich ein einziges Blumenblatt, daß sie uns sagten, wie Gottes Wesen in drei Personen doch auch nur in sich selber eines ist. – Und diese religiöse und pädagogische Verweisung auf die Natur dann aber auch über den Katechismus im allgemeinen hinausging. Es handelte sich hier eben dann nicht mehr nur um die Aussagen aus Luthers Kleinem Katechismus, „daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält“, sondern auch zugleich um ein vertiefteres Schauen der Seele. Gottes Wesen war eben auch in seiner Widerspiegelung, wie auch in seiner Dreieinigkeit, nämlich mit dem Durchbruch des Himmlischen in und aus der Natur wahrnehmbar, und doch dabei nie auf diese Ermahnung wie auch bei Pomarius in dessen Erbauungsbuch verzichtet werden konnte, daß die Natur eben nicht nur physisch sondern stets auch meta-physisch, also nicht nur „ad physica & naturalia“ sondern auch zugleich „ad metaphysica & moralia“ zu betrachten und zu erschauen sei. Die Dreeinigkeitslehre konnte also mithin als Teil der erbaulichen Naturbetrachtungen selber erscheinen, auch wenn damit die altlutherische Theologie hier vielleicht ideengeschichtlich in die Nähe der Naturphilosophie etwa eines Paracelsus rückte; dennoch war hier im Rahmen „christlicher Erbauung“ die Dreifaltigkeitslehre neu, nämlich jenseits aller trinitarischen (und dogmatischen) Streitigkeit (aus der Kirchengeschichte) zu umschreiben versucht worden.

Im ersten Artikel des christlichen Glaubensbekenntnisses bestätigte auch darum ein Christ seinen Glauben „an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erde“. Den Glauben, daß es einen Schöpfer gibt, teilte zwar ein Christ auch mit anderen Religionen. Doch die Schöpfungslehre, wie sie für einen Christen unerläßlich ist, bezog sich gleichwohl stets auf die erste Person der Dreieinigkeit und war somit die Voraussetzung für das Erkennen Gottes überhaupt; nur zu oft war eben auch die Schöpfung für einen Menschen der erste Schritt zum Gottesglauben. Im „Das vierdte Buch vom Wahren Christenthumb, Liber Naturae“ (cf. Homiletisch-Liturgisches Korrespondenzblatt Nr. 92 2oo7/8 S.29) behandelte Arndt so auch die Schöpfung „wie ein großes Weltbuch der Natur, nach christlicher Auslegung, das von Gott zeuget und zu Gott führet, wie auch alle Menschen, Gott zu lieben, durch die Kreatur gereizet, und durch ihr eigen Hertz überzeuget werden“. Und auch in diesem Buch wendete sich Arndt so wiederum vom Äußeren zum Inneren; denn „weil der allmächtige Got der großen Welt und den leiblichen Dinge ein äußerlich Licht geschaffen, wie sollte er denn nicht auch ein geistlich innerlich Licht der Seelen verordnet haben?“ Und weiter: „Hat Gott darum den leiblichen Dingen. oder dem Leibe des Menschen ein so schön Licht verordnet, so hat er auch vielmehr ein innerlich Licht der Seelen verordnet“, nämlich Gottes Dreieinigkeit auch als Licht eines Menschen, oder Arndt selber: „Dies Licht der Seelen ist Gott selber, und unser Herr Jesus Christus und der Heilige Geist, von welchem unser Verstand zur Gottes Erkenntnis im Glauben erleuchtet wird“. Durch eine solche mögliche Offenbarung in der Natur konnte und sollte also auch das Durchbrechen der verschiedenen Dimensionen unseres eigenen Daseins im „Inneren“ oder eben der Seele eines Menschen geschehen.

Was also könnten wir darum auch noch heute von diesen altlutherischen Erbauungsbüchern und ihren naturphilosophischen Gedanken lernen? Ganz sicher und nicht nur vielleicht, daß die Dreeinigkeitslehre nicht nur in erster Linie eine christliche Abgrenzung gegen Andersgläubige meinte, sondern immer darüber hinaus auch eine beständige Vertiefung des Gottesglaubens oder das Wachsen im Glauben und in der Liebe Gottes gewesen sein sollte. Die Erbauungsschriftsteller erinnerten uns deshalb, daß wir uns wieder gemäß der Dreieinigkeitslehre, nämlich einem Leben in und aus diesem Gott, dem Innersten unserer Seele zuwendeten, oder mit den Worten aus der Apostelgeschichte (17 27.28): „Gott ist nicht ferne von einem jeglichen unter uns; denn in ihm leben, weben und sind wir“.

Zitiert wurde nach: Johann Arndt, Sechs Bücher vom wahren Christentum, ed.D.Adam Stuensee, Halle 1763.

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Teol.dr. Bengt Arvidsson

Kämpagränden 17 C

S – 224 76 L u n d

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