Iselin Gundermann

Kirchenbau und Diakonie

Kaiserin Auguste Victoria und der

Evangelisch-Kirchliche

Hilfsverein  

HEFTE DES EVANGELISCHEN KIRCHENBAUVEREINS 
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Web-Fassung: Dr. Hermann Detering


Inhalt                                           


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Der feierliche Beginn: Die Einweihung der Erlöserkirche in Rummelsburg

Am 21. Oktober 1892, einem Freitag, luden die drei Glocken der neuen Erlöserkirche in Rummelsburg bei Berlin mit feierlichem Geläute zum ersten Mal zum Gottesdienst ein. Nach einer Bauzeit von weniger als drei Jahren war in diesem Arbeiterviertel ein Gemeindezentrum entstanden, von dem aus die seelsorgerliche Betreuung und die caritative Unterstützung der vielen Gemeindemitglieder mit niedrigstem Einkommen ausgehen sollten. Es war die erste Kirche, die ihre rasche Vollendung dem Einsatz des unter dem Protektorat der Kaiserin Auguste Victoria stehenden Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins verdankte. Noch wenige Tage vor der Einweihung hatten der Engere Ausschuß des Vereins und das Kabinett der Kaiserin letzte Vorbereitungen für die Einweihung getroffen. Den Termin jedoch hatte der Kaiser festgesetzt, der die Feierstunde mit dem Geburtstag seiner Frau am 22. Oktober in Verbindung bringen wollte. Von den geistlichen Würdenträgern waren u. a. geladen der Berliner Generalsuperintendent Theodor Braun und Ernst von Dryander, der Generalsuperintendent der Kurmark; der Präsident des Evangelischen Oberkirchenrates, Dr. Barkhausen, war vertreten und der Präsident des Konsistoriums der Kirchenprovinz Brandenburg. Robert Bosse nahm als der zuständige Minister der geistlichen, Unterrichts– und Medizinalangelegenheiten am Gottesdienst teil, und Landrat von Waldow vertrat den Kreis Niederbarnim, zu dem Rummelsburg damals noch gehörte. Nicht zuletzt waren Ehrenplätze für die Mitglieder des Engeren Ausschusses des Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins und ihre beiden Vorsitzenden, Landesdirektor von Levetzow und Graf ZietenSchwerin, reserviert, die nach Monaten mühevoller Verhandlungen und organisatorischer Arbeit mit berechtigtem Stolz dieser Feierstunde beiwohnen konnten. Die Teilnahme Kaiser Wilhelms am Gottesdienst aber gab ihm den eigentlichen Glanz. Doch in der Gruppe der Festgäste fehlte die Hauptperson, durch deren Einsatz es überhaupt zur Gründung des Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins gekommen war: Die Kaiserin Auguste Victoria. Das Wetter dieses 21. Oktober war regnerisch und kalt. Kurzfristig hatte sich die Kaiserin, die sich noch von der Geburt ihrer Tochter Viktoria Luise am 13. September erholte, deshalb entschlossen, nicht nach Rummelsburg zu fahren. In ihrer Antwort auf eine Grußbotschaft aus Rummelsburg teilte sie der Gemeinde mit: „Es war mir eine schmerzliche Entsagung, der heutigen Weihe Ihrer Kirche fernbleiben zu müssen. Geistig fühlte ich mich aber der Festgemeinde nahe, mit herzlichem Dank für alle, welche um das Zustandekommen des Werkes bemüht waren, und mit dem Wunsche, daß Gottes reichster Segen für die Rummelsburger Erlösergemeinde ausgehen möchte von dem neuen Gotteshause.“  

 

Erlöserkirche in Rummelsburg

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Den Anteil des Kaiserpaares an der Errichtung dieser kirchlichen Stätte würdigte während der Einweihungsfeier Landesdirektor von Levetzow: „Das Erstlingswerk, welches Eure Kaiserliche und Königliche Majestät und Ihre Majestät die Kaiserin und Königin den sittlichen und kirchlichen Notständen in und um Berlin zur Abhilfe aufzunehmen geruhten, steht nun vollendet da. Mit Rat und Tat haben Eure Majestät den Bau der Erlöserkirche huldvoll ermöglicht und gefördert, und mit wahrhaft mütterlicher unablässiger Fürsorge von Anfang an bis zu dieser Stunde hat Ihre Majestät, die leider heute behinderte. und schmerzlich vermißte Kaiserin und Königin, nicht nur für den unter Allerhöchst Ihr Protektorat genommenen Kirchenbau, sondern auch für die Errichtung und reichliche Ausstattung des neuen Pfarrsystems gewirkt und gewacht. Der hochherzige Vorgang fand manchen opferwilligen Helfer, und dem Evangelisch–Kirchlichen Hilfsverein war es vergönnt, auch bei diesem Werke Ihrer Majestät seine geringen Dienste zu widmen. Was Landesvater und Landesmutter in christlicher Liebe und Barmherzigkeit, in treuer Sorge für irdische Wohlfahrt und ewiges Heil ins Leben riefen, das wolle der allmächtige Gott segnen und einen Segen sein lassen nicht nur für unsere evangelische Kirche und diese Gemeinde, sondern auch für unsere Kaiserlichen und Königlichen Majestäten und Allerhöchstderen Haus.“

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Monate sollten vergehen, bis die Kaiserin „ihre“ erste Kirche persönlich besuchte. Eine Bibel mit dem eigenhändig eingetragenen Konfirmationsspruch auf dem Vorsatzblatt war ihr Geschenk: „Sei Getrost bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“. Diese Bibel lag auf dem Altar der Erlöserkirche als bleibendes Andenken an die Stifterin, während die Erinnerung an die Geschichte dieses Kirchenbaues langsam verblaßt ist.

 

Schon vor der Vollendung der Rummelsburger Erlöserkirche ragten in und um Berlin aus dem Häusermeer viele neue, noch eingerüstete Türme und Kirchenschiffe auf. Die Himmelfahrtkirche in Wedding, die Immanuel–Kirche an der Prenzlauer Allee., die Gethsemanekirche auf dem Prenzlauer Berg, die neue Nazarethkirche im Wedding, die Emmauskirche am Lausitzer Platz in Kreuzberg, die Lutherkirche und die Apostel–Paulus–Kirche in Schöneberg, die Heilandskirche in Moabit, die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße, die Samariterkirche unweit der Frankfurter Allee, die Kaiser–Wilhelm–Gedächtnis–Kirche am

 

 

Heilandskirche im Kleinen Tiergarten

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Tauentzien und die Kaiser–Friedrich–Gedächtnis–Kirche im Berliner Tiergarten standen kurz vor der Vollendung. als der Evangelisch–Kirchliche Hilfsverein nicht ohne Stolz auf das 1892 durch seinen Beitrag vollendete Gemeindezentrum in Rummelsburg verweisen konnte. Die Aufzählung aller damals im Bau befindlichen Berliner Vorstadtkirchen ließe sich fortsetzen und durch Berücksichtigung der neuen katholischen Gotteshäuser in und um Berlin ergänzen. Zwischen 1884 und 1908 wurden in Berlin – die Vororte nicht mitgerechnet – 38 evangelische kirchliche Neubauten ihrer Bestimmung übergeben. Auguste Victorias Einsatz half in vielen Fällen, organisatorische, vor allem aber finanzielle Hindernisse zu beseitigen oder wenigstens zu verringern. Der Name der Kaiserin und kirchenbauliche Vorhaben–beide Begriffe begannen, miteinander zu verschmelzen. Die Berliner quittierten das mit gutmütigem Spott, doch insgesamt nicht ohne Stolz selbst bei jenen, deren Bindung an die Kirche mit allen ihren Einrichtungen gering oder gar nicht mehr vorhanden war.  

 

Immanuelkirche an der Prenzlauer Allee

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Wie keine ihrer Vorgängerinnen errang die eher zu bescheidener Zurückhaltung neigende Gemahlin Wilhelms II. einen Grad an Bekanntheit und Volkstümlichkeit, der die Schattenseiten der Monarchie in jenen Jahren vielfach vergessen ließ.  

 

Neue Nazarethkirche auf dem Leopold-Platz

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Die preußischen Königinnen im Einsatz für die Diakonie

Auch die Vorgängerinnen Auguste Victorias hatten sich im sozialen Einsatz bleibende Verdienste erworben. Da war Elisabeth, die Gemahlin König Friedrich Wilhelms IV. aus bayerischem Hause, die sich um Mägdeherbergen, Erwerbsschulen für arme Mädchen und Kleinkinderschulen gekümmert hatte und in den Kriegen neben ihrer Schwägerin Augusta im Lazarettwesen tätig gewesen war. Das 1837 gestiftete Kranken– und Diakonissen–Mutterhaus in der Lützowstraße, über das sie das Protektorat übernommen hatte, trägt noch heute ihren Namen. Bekannter noch wurde das von Friedrich Wilhelm IV. gestiftete Diakonissenhaus Bethanien am Mariannenplatz in Kreuzberg, eine Anstalt zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen mit einer Krankenanstalt von über 350 Betten und einem Feierabendhaus für die Diakonissen im Ruhestand. Auch an dieser wichtigen Gründung hatte Elisabeth mehr als nur beratenden Anteil.

Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche im Tiergarten

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Augusta, seit 1861 preußische Königin und mehr durch ihre politischen Interessen und die Pflege von Kontakten mit Vertretern der Wissenschaften als durch Taten der Nächstenliebe bekannt, ließ es nicht bei der Übernahme von Schirmherrschaften wohltätiger Einrichtungen bewenden. Sie nahm den Gedanken von Henri Dunant, den Verwundeten auf den Schlachtfeldern und den erkrankten Soldaten in den Lazaretten angemessene Hilfe zukommen zu lassen, mit großen Eifer auf und wirkte, wie Henri Dunant beim Abschluß der Genfer Konvention über die Gründung des Roten Kreuzes ausdrücklich betonte, an dieser Einrichtung „verdienstlich“ mit. Sie übernahm das Patronat über den preußischen Verein zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger und setzte ihren Einfloß ein, um seine finanzielle Grundlage sicherzustellen. Indem die preußische Königin mit gutem  

 

Emmauskirche am Lausitzer Platz

Versöhnungskirche an der Bernauer Straße

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Beispiel voranging, belebte sie die andernorts vorhandenen Vereine ähnlicher Zielsetzung. Die Organisation des Roten Kreuzes in Preußen, der Aufbau von Ortsgruppen und Zentralkomitees und deren Verbindung miteinander waren Augustas Tatkraft und ihrem Einfallsreichtum zu danken. Im Kriege 1866 waren die Schwierigkeiten im Lazarett– und Medizinalwesen noch groß. Aber Augusta ließ sich nicht entmutigen. Sie förderte die Neugründung des Vaterländischen Frauenvereins Ende 1866, der weibliche Hilfeleistungen in Katastrophenfällen organisieren sollte und die Ausbildung von Krankenpflegerinnen und Helferinnen im Sinne des Roten Kreuzes ermöglichte. Dieses Werk in seiner ganzen Breitenwirkung und Ausstrahlung war in der damaligen Zeit etwas Ungewöhnliches. 1869 tagte die Internationale Konferenz von Vertretern des Roten Kreuzes in Berlin, wo sich auch die süddeutschen Bundesstaaten der Organisation anschlossen. Das Österreichische Rote Kreuz verlieh der preußischen Königin die Ehrenmitgliedschaft – ein Vorgang, der umso höher bewertet werden muß, als der preußischösterreichische Krieg eben erst drei Jahre zurücklag.  

 

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Charlottenburg

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Als Auguste Victoria 1881 an den Berliner Hof kam, war die Kaiserin Augusta trotz ihrer körperlichen Behinderung nach einem Unfall in ungebrochener Energie sozial tätig. Sie kümmerte sich um ihre beiden Gründungen, das AugustaKrankenhaus in der Scharnhorststraße am Invalidenpark, und das Augusta–Stift für alte Krankenpflegerinnen, förderte großzügig das Deutsche Rote Kreuz und die ihrer Schirmherrschaft unterstehende Gesellschaft für Hygiene.

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Daneben hatte sich auch die Kronprinzessin Victoria einen Bereich sozialer Betätigung erschlossen. Im Kriege 1870/71 hatte sie ihrer Schwiegermutter Augusta persönliche und materielle Hilfe für das Rote Kreuz und bei der Pflege in Lazaretten und Hospitälern zukommen lassen. In den siebziger Jahren begann ihr verstärkter Einsatz für die Förderung und Fortbildung erwerbstätiger Frauen, für die Überwindung sozialer Schranken und die Verbesserung der Krankenpflege. Sie übernahm die Schirmherrschaft über das Pestalozzi–Fröbel–Haus, eine Anstalt mit Kindergarten, Arbeitsschule und Haushaltungsunterricht, Kochschule und Ausbildungsstätte für Erzieherinnen, gründete einen Verein für häusliche Gesundheitspflege und ein Haus für Krankenpflege. Der Lette–Verein (seit 1872), der die „Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts“ zum Ziel hatte, verdankt Victorias Engagement seine fruchtbare Entwicklung. Das Lette–Haus und viele ähnliche Einrichtungen in Berlin und in den preußischen Provinzen sollten in den Jahren wirtschaftlichen Wachstums die Gegensätze zwischen Arm und Reich mildern und denen helfen, die auf der Schattenseite des Lebens standen. Dafür mußten Geldquellen erschlossen werden: Vereinsgründungen, Sammlungen und Basare fanden statt, großzügige Spenden wurden erbeten. Als das Kronprinzenpaar Victoria und Friedrich Wilhelm 1883 das Fest der Silbernen Hochzeit beging, kam durch eine Sammlung der Beitrag von 800.000 Mark zusammen, der wohltätigen Zwecken zugeführt wurde.

 

„Die Prinzessin besitzt einen sanften, versöhnlichen Charakter...“

Auguste Victoria äußerte bald nach ihrer Übersiedlung in das Marmorpalais bei Potsdam (1881) den Wunsch, sich ebenfalls in irgendeiner Weise nützlich machen zu dürfen. Schon während der kurzen Zeit ihres Lebens in Berlin und Potsdam registrierte sie mit Aufmerksamkeit, welche Unterschiede zwischen ihrem neuen Leben als Gemahlin des Thronfolgers und künftige deutsche Kaiserin in der Idylle am Jungfernsee oder den prachtvollen Räumen im Berliner Schloß und dem Dasein der Menschen in den Arbeiterwohnvierteln in der Nähe der Fabriken herrschten. Sie bekannte einmal, daß sie sich schuldig fühle, wenn sie bei Nowawes, wo sich ein Zentrum großer Maschinenspinnereien und –webereien entwickelte, vorüberfuhr, ohne helfend eingreifen zu können. Aus der Jugendzeit Auguste Victorias ist wenig bekannt; aus dem Überlieferten läßt sich jedoch schließen, daß sie vor ihrer Heirat mit der sozialen Frage und allen damit zusammenhängenden Problemen nur selten in Berührung gekommen war. Die entscheidenden Jahre ihrer Entwicklung hatte sie in Primkenau in Schlesien im Kreise Sprottau verlebt. Ihr Vater war Herzog Friedrich von SchleswigHolstein–Sonderburg–Augustenburg, der den Kampf für ein unabhängiges Schleswig–Holstein endgültig verloren hatte, als Preußen nach den Kriegen gegen Däne

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mark 1864 und Österreich 1866 die Herzogtümer als Provinz mit einem Oberpräsidenten an der Spitze gewinnen konnte. Die Augustenburger hatten schon 1852 Schleswig–Holstein auf dänischen Druck verlassen müssen und – von einem kurzen Zwischenspiel in Kiel nach dem Tod des dänischen Königs Friedrich VII. 1863 abgesehen – in der – wie der Augustenburger sagte – „Verbannung“ gelebt. Der Lebenszuschnitt der Eltern Auguste Victorias war einfach, und der Herzog Friedrich arbeitete in der Herrschaft Primkenau wie ein Gutsherr in stetem Bemühen, die Erträge aus dem Boden und dem Wald zu steigern. Er leitete die Erziehung seiner Kinderpersönlich. An politischen Fragen beteiligte er sich nach 1881 nicht mehr; im Rahmen des Unterrichts bei seinen Kindern besonderes Interesse an historischen oder politischen Problemen zu wecken, scheint er nicht beabsichtigt zu haben. Wenige Reisen in Begleitung der Eltern führten Auguste Victoria und ihre Geschwister ins Ausland, aber im übrigen verbrachte sie ihre Jugend in Primkenau in ruhigem Gleichmaß – ganz im Gegensatz zum Alltag in Berlin und Potsdam seit der Hochzeit mit dem preußischen Thronfolger Wilhelm am 27. Februar 1881. Von sanftem Charakter, zurückhaltend und anpassungsfähig, kam es ihr nie in den Sinn, eine herausragende Rolle in der Hofgesellschaft zu spielen oder gar laut einen Standpunkt zwischen ihrer Schwiegermutter, der Kronprinzessin Victoria, und der alten Kaiserin Augusta zu beziehen und dadurch die zwischen diesen beiden ausgeprägten Persönlichkeiten bestehenden Beziehungen oder besser: Belastungen zu beeinflussen. Victoria hatte gerade wegen dieser Eigenschaften die Vermählung Wilhelms II. mit der Augustenburgerin durchaus befürwortet und sich bemüht, die an den Höfen kaum bekannte junge Herzogin bei allen Verwandten zu empfehlen. „Die junge Prinzessin ist so gut und liebenswürdig, hat eine vortreffliche Erziehung genossen, daß wir uns nicht genug gratulieren können,“ schrieb sie an den Prinzen Friedrich Karl von Preußen nach Glienicke. „Sie besitzt einen sanften, versöhnlichen Charakter, und das ist bei einer so großen Familie so unendlich viel wert, wie Du weißt; ausgleichen und mit Milde und Güte stets hilfreich eintreten zu können, ist das schönste Vorrecht der Frau, und wie wenigen sind gerade diese Fähigkeiten dazu gegeben! Sie wird Dir gewiß gefallen, wie sie allen gefällt, die sie kennenlernen. Wilhelms Glück für die Zukunft so befestigt zu sehen, ist uns ein großer Trost.“ Ähnlich äußerte sie sich nachdem die Queen Victoria nach der ersten Begegnung mit der Braut ihr zustimmendes Urteil abgegeben hatte: ,.Ihr Lächeln, ihr Wesen und ihr Ausdruck müssen sogar die. borstigen, dornigen Berliner mit ihren scharfen Zungen und ihrem schneidenden Sarkasmus über jeden und alles entwaffnen.“ Später freilich, als in einem Familienkonflikt Auguste Victoria vorbehaltlos zu ihrem Mann stand und nicht nur ihre Schwiegermutter, sondern auch die Queen gegen sich hatte, wird sie in einem Brief aus England als „armselige kleine, unscheinbare Prinzessin“ bezeichnet, die nur durch die Liebenswürdigkeit der preußischen Kronprinzessin in die Stellung gekommen sei, die sie heute einnehme.

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Dr. Georg Hinzpeters „sozialistische Expektorationen“

Wichtiger als das Vorbild der alten Kaiserin Augusta und der Kronprinzessin Victoria wurde für die Prinzessin Wilhelm, wie Auguste Victoria genannt wurde, die Begegnung mit Dr. Georg Hinzpeter, dem vormaligen Erzieher Wilhelms II. und seines Bruders Heinrich. Hinzpeter wird als strenger, ja unnachsichtiger Lehrer beschrieben, ohne „psychologisches Einfühlungsvermögen“, der in einem so schwierigen Kind wie Wilhelm die guten Anlagen kaum in wünschenswerter Weise gefördert und seinen Hang zu unkontrollierten Ausbrüchen nicht in rechte

 

Stephanuskirche an der Prinzenallee

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Bahnen zu lenken verstanden habe. Wilhelm II. hatte jedoch die Verbindung zu seinem alten Lehrer nie abreißen lassen, zog ihn vielmehr zur Lösung sozialer und pädagogischer Probleme vielfach heran und wußte in ihm den guten Ratgeber zu schätzen. Bald nach der Hochzeit kam die erste Begegnung zwischen Auguste Victoria und Hinzpeter zustande, die in einem Briefwechsel ihre Fortsetzung fand. Elf Hinzpeter–Briefe aus dem Zeitraum Februar bis November 1882 sind im Geheimen Staatsarchiv in Dahlem erhalten, von der Hand Auguste Victorias dagegen nur wenige Notizzettel mit flüchtig hingeworfenen Bemerkungen für ihre Antwortschreiben. Da sich Hinzpeter mit den Fragen der Prinzessin sorgfältig auseinandersetzte und sie in seinen Briefen gelegentlich wörtlich wiederholte, ist der Gedankengang unschwer nachzuvollziehen. Doch der Kern dessen, was sie bewegte, findet sich auch zwischen ihren Notizen. So heißt es dort: „Worin besteht die Hilfe, die ich in meiner augenblicklichen Stellung diesen unteren Klassen gegenüber beweisen kann. Ich habe Sympathie für das allgemeine Problem. Welchen Inhalt hat die soziale Frage? Wie ist zu verstehen, daß die Frauen die Billigkeit höher stellen als die Gerechtigkeit . . .“ Und an anderer Stelle: „Ich halte es für ungerecht, daß die armen Leute so wenig Resultate ihrer Arbeit sehen und genießen. Wie können wir höher Gestellten, wenngleich wir Sympathien für diese Frage haben, ihnen helfen. Ich stimme mit Ihnen überein, daß es unsere heilige Pflicht ist, nicht nur nach eigener Behaglichkeit zu streben, sondern das Glück anderer zu fördern; wenn mein Mann und ich uns doch wirklich für diese Fragen interessieren, so geben Sie aber doch indirekt zu, daß im Augenblick wir nicht in der Lage sind, wirklich durch die Tat den Leuten zu helfen und es aller Wahrscheinlichkeit nach noch in weiter Ferne liegt, daß wir helfend eingr[eifenl.“

Hinzpeter erwies sich in seinen Antwortschreiben als vorsichtiger Ratgeber. Er vermied es, dem Wunsch der Prinzessin durch eine Anzahl praktischer Vorschläge zu entsprechen. Seine sich gelegentlich wiederholenden Ausführungen („sozialistische Expektiorationen“ nannte er sie selbstironisch) führten sie langsam an die historischen Wurzeln der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung heran; er erläuterte ihr den gegenwärtigen Stand, führte ihr ihre Möglichkeiten und Grenzen vor Augen, um sie vor allzu schnellen und möglicherweise unüberlegten Entscheidungen zu bewahren, die am derzeitigen Zustand nichts ändern konnten. In vielen Briefen kehrt das Begriffspaar Gerechtigkeit und Billigkeit wieder, die Gegenüberstellung von dem, was durch Gesetze begründet ist und dem, was nach natürlichem Rechtsempfinden „angemessen“ ist. Die Dynastie habe in diesem Klassenkampf zwischen Besitzlosen und Besitzenden unbefangen und unparteiisch zu sein; wende sie aber ihre Sympathie den Schwachen zu, so trage sie damit bereits zur Milderung des Kampfes bei, „und eben dies ist für den Moment das Hauptstreben aller Klugen wie aller Guten . . .“. Soziale Reformen können – so Hinzpeter – nicht von einem Einzelnen durchgeführt werden. „Alle großen Fragen bedürfen in dieser Zeit, ehe sie zum Austrag gelangen, einer langen Vorbereitung durch die 

Auferstehungskirche in der Friedenstraße

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öffentliche Meinung; durch unendliches Überlegen und Diskutieren müssen Gedanken und Gefühle geläutert und belebt werden.“ Der dringende Rat Hinzpeters war, die Lage. der „emporstrebenden Massen“ und deren Forderungen in einem langen, sorgfältigen Studium zu beobachten und verstehen zu lernen. Sei die Prinzessin mit Erkenntnis und Sympathie für die sozialen Probleme gefüllt, so werde von selbst folgen, daß es Propaganda mache, daß es Viele überreden, fortreißen, ja vermöge. ihrer herausragenden Stellung zwingen werde, dieselbe Ansicht zu teilen. In späteren Briefen kommt Hinzpeter auf Sitte und Religion zu sprechen. Beides finde bei den Arbeitern nur schwer Eingang. Hier zu wirken, sei die Aufgabe einer Gesellschaft, die sich christlich nenne.

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Während die theoretische Auseinandersetzung mit der sozialen Frage letztlich nicht dem entsprach, was Auguste Victoria als Ratschlag wünschte, wies Hinzpeters Begriff von Religion und Sitte auf die Möglichkeit praktischer Betätigung hin und vermittelte ihr hierdurch endlich einen Weg, auf dem sie weitergehen konnte. Der letzte der erhaltenen Hinzpeter–Briefe ist am 4. November 1882 datiert. Er erwähnt einen bevorstehenden Besuch Pastor von Bodelschwinghs in Berlin, wo dieser den Kronprinzen Friedrich Wilhelm (Auguste Victorias Schwiegervater) treffen würde. „Ich habe mir die Freiheit genommen,“ schrieb Hinzpeter, „diesen höchst merkwürdigen Mann darauf hinzuweisen, es gebe in der Welt kaum eine Person, welche für sein Denken und Schaffen mehr Sympathie zu empfinden im Stande sei, als die Prinzessin Wilhelm von Preußen,“ und bat sie, Friedrich von Bodelschwingh zu einem Gespräch zu empfangen. Wir wissen nicht, wie diese Audienz im einzelnen verlaufen ist, doch gelang es Bodelschwingh, das Interesse  

Gethsemanekirche auf dem Prenzlauer Berg

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von Auguste Victoria auf sein Werk der Wanderarbeiter in Bethel zu lenken, oder, wie er es ausdrückte, er hatte bei dem hohen Paar (Wilhelm lI. und Auguste Victoria) „die gleiche liebreiche Teilnahme für unsere armen Pilgrime“ gefunden wie beim Kronprinzen.

 

Segenskirche in Reinickendorf

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Die Gründung des Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins

Ein Feld praktischer Betätigung sah die Prinzessin zunächst in der Übernahme einiger Schirmherrschaften, die seit dem Tode der Königin Elisabeth von Preußen (1873) verwaist waren, und durch persönlichen Einsatz in der Berliner Stadtmission. Das geschah noch in vergleichsweise bescheidenem Rahmen. Zu Adolf Stoecker, Leiter der Stadtmission, der in gutem Einvernehmen zu Wilhelm 11. stand, gab es erste Kontakte, doch keine Verbindung zu dessen politischen Aktivitäten oder weltanschaulicher Richtung. Die Geburtsstunde des EvangelischKirchlichen Hilfsvereins schlug auf der sogenannten Waldersee–Versammlung (im Hause des Grafen Waldersee) am 28. November 1887, die Wilhelm Il. zur Einführung einer einmaligen Kollekte für die Linderung sozialer Not einberufen hatte. Sein Plan, unabhängig von der durch Stoeckers Engagement bestimmten oder belasteten – Stadtmission eine Organisation zu schaffen, die dort einsprang, wo die kirchlichen Mittel nicht ausreichten, wurde von den Einen mit Verständnis, ja, sogar Zustimmung und Begeisterung aufgenommen; andere Gruppen glaubten dagegen, eine „konservativ–klerikale Verschwörung“ zu entdecken und lieferten in Wort und Schrift heftigen Widerstand. Aber allen Hindernissen zum Trotz und mit Billigung der entscheidenden Stellen in Kirche und Verwaltung wurde der „Evangelisch–Kirchliche Hilfsverein“ im Mai 1888 gegründet. Es war von vornherein beabsichtigt, in den preußischen Provinzen Hilfskomitees einzurichten und dadurch die Tätigkeit des Vereins nicht auf Berlin zu beschränken. Die Gründung des Vereins fiel in die kurze Regierungszeit Kaiser Friedrichs III. Auguste Victoria, seit dem 9. März 1888 Kronprinzessin, richtete an ihren Schwiegervater die Bitte, das Protektorat des Vereins übernehmen zu dürfen. Die Zustimmung des todkranken Monarchen erfolgte umgehend durch Fürsprache der Kaiserin Victoria; am 4. Mai unterzeichnete Friedrich 111. die Kabinettsordre: „Eurer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit will ich, Ihrem Wunsche. gern entsprechend, hiermit die Erlaubnis erteilen, das Protektorat über den zu gründenden ,EvangelischKirchlichen Hilfsverein` zur Bekämpfung der religiös–sittlichen Notstände in den großen Städten anzunehmen.“ Diese Kabinettsordre hatte eine über ihren eigentlichen Inhalt hinausgehende nahezu „politische“ Bedeutung, die ein Eingeweihter wie Friedrich von Bodelschwingh sogleich erkannte. Ende Mai 1888 schrieb er an den Geheimrat von Wilmowski, den Chef des Zivilkabinetts, er vermisse zwar ein wirksames Wort des neuen Kaisers Friedrich 111. in der sozialen Frage. „Allerdings.“ heißt es bei Bodelschwingh weiter, „liegt in der Erlaubnis, die er dem Kronprinzen und der Kronprinzessin gegeben hat, diese Protektion für den Hilfsverein zur Abhilfe der sichtbaren Notstände in den großen Städten zu übernehmen,

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Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg

wiederum ein wichtiges Bekenntnis zu dieser Frage seitens Seiner Majestät. Es ist nicht hoch genug anzuschlagen, daß dadurch im ganzen Lande der künstlich versuchte Zwiespalt zwischen Vater und Sohn auf diesem Gebiete verwischt wird.“ Am 28. Mai 1888 fand auf der ersten Generalversammlung die offizielle Gründung des Vereins in Berlin statt. Levetzow verlas ein Schreiben Auguste Victorias, in dem sie u. a. ausgeführt hatte: „Der Verein ist berufen, auf dem Boden des Evangeliums und im engen Anschlusse an die Kirche für eine schöne, ernste und verantwortungsvolle Aufgabe mitzuarbeiten. Er wird die bereits bestehenden Bestrebungen verwandter Art unterstützen und fördern, neue notwendig werdende Arbeiten anzuregen versuchen, sowie durch planmäßige Organisationen auf diesem Gebiete der inneren Mission die Nachteile der Zersplitterung beseitigen helfen.“ Für die Leitung des Vereins berief Auguste Victoria einen Engeren Ausschuß unter Leitung des Landesdirektors und Reichstagspräsidenten

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Albert von Levetzow ein, doch war der eigentliche „Geschäftsführer“ ihr Oberhofmeister Ernst Freiherr von Mirbach, der dann auch in ähnlicher Funktion im Berliner Kirchenbau–Verein tätig wurde.

Zu den Gründungsmitgliedern gehörte Friedrich von Bodelschwingh. Er nahm den Ruf in den Äußeren Ausschuß an und stellte dem Verein in einer programmatischen Rede die Fülle seiner Aufgaben und die Möglichkeiten, sie zu bewältigen, vor Augen. Die erforderlichen Mittel für den Evangelischen Hilfsverein, so führte er aus, sollte man durch eine freiwillige jährliche Kollekte zusammenzubringen versuchen. Vordringlich sei die Errichtung neuer Kirchen als Mittelpunkte übersichtlicher Gemeinden. Darüber hinaus müßten Gelder für die Anstellung von Hilfspredigern in Berlin verfügbar gemacht werden, um der religiösen Verwahrlosung breiter Bevölkerungsschichten entgegenzuwirken.

 

Luther-Kirche in Schöneberg

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Samariterkirche in der Mirbachstraße (Samariterplatz)

Bodelschwingh ging hier mit gutem Beispiel voran: Wenige Tage später erbrachte eine Kollekte während eines Posaunenfestes in Bethel einen Ertrag von 1000 Mark, die einer armen Berliner Vorstadt für ein schlichtes Gotteshaus zugedacht waren. Bei der Gründung des Westfälischen Zweigvereins am 30. Juli 1888 rief er die Provinz auf, für ihre nach Berlin abgewanderten Kinder zu sorgen und sich durch Spenden an ihrer kirchlichen Versorgung in der Großstadt zu beteiligen. Der Widerhall auf Bodelschwingbs Appell blieb jedoch matt, denn hier in Westfalen wie in der Rheinprovinz wurden die Gelder für kirchliche Vorhaben mindestens ebenso dringend benötigt wie für den Kirchenbau in der Reichshauptstadt. Inder sinnvollen Abstimmung mit verwandten sozialen Einrichtungen erkannten Bodelschwinghs westfälische Gesprächspartner eine vordringliche Aufgabe; sie

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beklagten die Kosten, die die Vereinsarbeit selbst verursachte, und sicher wünschten viele Geber schon damals nicht, daß gespendete Mittel nicht ihrem eigentlichen Zweck zugeführt, sondern von der Verwaltung und ihrem bürokratischen Apparat verschlungen wurden.

Der Evangelisch–Kirchliche Hilfsverein versuchte – diesen Einwänden zum Trotz –mit möglichst geringem Aufwand zu arbeiten. In seinem Statut ging es ganz allgemein darum, „die Bestrebungen zur Bekämpfung der religiös–sittlichen Notstände in Berlin und anderen Städten und in den Industriegebieten“ zu unterstützen. Er sprach alle Strömungen und theologischen Richtungen innerhalb der evangelischen Kirche an und vermied jeden Anschein einer politischen Bindung und war deshalb in der Einwerbung von Geldern so erfolgreich.

Von Anfang an gelang es dem Verein, seine Vorhaben glaubhaft zu vertreten und die Gelder gerecht zu verteilen. Vom Jahre seiner Gründung 1888 an bis 1912 wurden nahezu 12 Millionen Mark an Spenden eingenommen und an Stadtmissionen, Diakonissenstationen, als Starthilfen und für Unterhaltskosten verteilt; Stellen für Hilfsprediger, Gemeindepfleger und Jugendpfleger konnten mit seiner Unterstützung eingerichtet werden; er förderte Bruderhäuser und Diakonissenmutterhäuser, leistete Beiträge zum Bau und zum Unterhalt von Gemeindehäusern und Pflegestationen.

   

Die Gründung des Evangelischen Kirchenbau–Vereins

Der Kirchenbau gehörte nicht zu den vorrangigen Zielen des EvangelischKirchlichen Hilfsvereins, da sich Auguste Victoria auf die Dauer den Argumenten der Geldgeber nicht verschließen konnte, die darauf aufmerksam machten, daß es größere Nöte zu lindern galt, als in Berlin die fehlenden Kirchengebäude zu errichten. So wurden auch die Rummelsburger Erlöserkirche und das zweite geplante Bauvorhaben, die Himmelfahrtkirche in der Elisabeth–Gemeinde, nur zum geringen Teil durch den Verein finanziert. Allerdings war er für den Kirchenbau an der Einwerbung von Sondermitteln aus wohlhabenden Berliner Gemeinden und von einer Anzahl großzügiger privater Geldgeber beteiligt. Auf ihre Mildtätigkeit meinte der Verein auch in Zukunft zählen zu dürfen, sollte sich die Diskussion um die Frage „Pfarrer oder Kirchen“? zu einer Lösung „Pfarrer und Kirchen“ entwickeln. Er schaltete sich bei der Ermittlung geeigneter Grundstücke ein. doch erwies es sich zunehmend als ein Problem, preiswerte Bauplätze zu erwerben.

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Himmelfahrtkirche am Gesundbrunnen

Dazu kamen Schwierigkeiten bei der Wahl der Architekten, und selbst bei zufriedenstellenden Voraussetzungen blieben in der Regel am Ende immer noch Finanzierungslücken bestehen. Diese Aufgabenfülle war mit den gegebenen personellen und finanziellen Möglichkeiten des Vereins bald nicht mehr zu bewältigen. Im Januar 1890 setzte der Engere Ausschuß deshalb eine KirchenbauKommission für diese speziellen Fragen ein. Sie konnte ihre ersten Erfahrungen bei der Rummelsburger Erlöserkirche sammeln, mit dem Ergebnis, daß nunmehr die Gründung eines eigenen Kirchenbau–Vereins für notwendig erachtet wurde. In enger Verbindung zu Baubehörden, zu städtischen und kirchlichen Abteilungen, zu Geldgebern und zu den Gemeindevertretern sollte er die Gewähr einer möglichst schnellen und reibungslosen Abwicklung aller mit dem Bau kirchlicher Gebäude erforderlichen Schritte bieten. Am z. Mai 1890 bildete sich deshalb die Kirchenbau–Kommission in einen Kirchenbau–Verein um. Dieser blieb – genau

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betrachtet– ein Zweigverein des Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins, nahm aber seine Aufgaben selbständig wahr, und da sich seine Vorhaben im wesentlichen auf Berlin beschränkten, entlastete er den Hilfsverein, der nun den Klagen aus der Provinz, daß die Mittel des Vereins für die Kirchen in der Reichshauptstadt verbraucht würden, begründet entgegentreten konnte. Die Kaiserin übernahm auch über den Berliner Evangelischen Kirchenbau–Verein das Patronat.

Die Grundsteinlegung der zweiten vom Hilfsverein geförderten Kirche, der späteren Himmelfahrtkirche in Wedding, fand am z. Juni 1890, die der dritten Kirche, der dem Andenken an die kürzlich verstorbene Kaiserin Augusta gewidmeten Gnadenkirche im Invalidenpark, bereits wenige Tage später, am 11. Juni 1890 statt. Über die drei ersten Kirchen der Kaiserin, die Erlöserkirche in Rummelsburg, die Himmelfahrtkirche in Wedding und die Gnadenkirche im Invalidenpark, brachte Freiherr von Mirbach zum 10jährigen Bestehen des Vereins 1901 eine Darstellung heraus, die er dem Vorsitzenden des Vereins, Freiherrn von Levetzow, widmete. Die dort genannten Zahlen sprechen für sich: Der Verein hatte in 10 Jahren hohe Geldbeträge beschaffen und satzungsgemäß verteilen können; überdies war nach der Bildung des Kirchenbau–Vereins den Antragstellern der Weg durch alle beteiligten Instanzen erleichtert worden, wenn auch ein unbürokratisches Verfahren nicht hatte durchgesetzt werden können. Angesichts der rasanten kirchenbaulichen Tätigkeit in Berlin mußte sich nun aber auch Mirbach die Frage stellen, ob nicht auf eine „langsamere Vorgehensweise“ gedrungen werden sollte, nachdem in der Presse Artikel gegen ihn veröffentlicht worden waren, die Bedenken gegen die Ziele des Vereins zum Inhalt hatten und gelegentlich sogar Mirbach persönlich verunglimpften. Aber Mirbach verneinte eine mögliche Kursänderung in der Arbeit des Vereins mit dem Hinweis, daß sich der Kirchenbau „für alle Arbeiter, dwerker und Künstler schließlich zu einer rettenden Tat, durch welche vielen tausenden fleißiger Hände der Unterhalt und der Verdienst gesichert wurde“, entwickelt habe.

 

Grundsteinlegungen und Einweihungen

Was Auguste Victoria als junge Thronfolgerin durch ihre Frage, was sie mit ihren Mitteln gegen das Elend tun könne, angeregt hatte, das wuchs allmählich zu einem bedeutenden Vorhaben aus. Trotz treuer Helfer wie Mirbach behielt sie persönlich einen erheblichen Anteil an den Entscheidungen des Vereins. Kein Entwurf wurde

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ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung ausgewählt, kein Antrag ohne ihre Genehmigung unterstützt. Seit dem Tod Kaiser Friedrich III. und der Kaiserin Augusta hatte die Zahl ihrer täglichen Termine zugenommen. Sie hatte jetzt auch die Schirmherrschaften über das Rote Kreuz und den Vaterländischen Frauenverein wahrzunehmen, als Gemahlin des Kaisers in Erscheinung zu treten und behielt doch die Verbindung zu den Einrichtungen bei, als deren Patronin sie seit Jahren wirkte. Neben allen anderen Repräsentationspflichten war allein auf dem sozialem Gebiet fast täglich ein großes Programm zu erledigen, das der Gräfin Keller, die vierzig Jahre lang im Dienste der Kaiserin stand, Bewunderung abnötigte: „Die Energie der Kaiserin, sich nicht durch Widerwärtigkeiten von ihren Aufgaben abbringen zu lassen, ist prachtvoll; sie kennt darin keine Rücksichten auf sich selbst nach dem Grundsatz: Schwierigkeiten müssen überwunden und nicht umgangen werden ...“ Als Schirmherrin des Kirchenbau–Vereins nahm sie an den meisten Grundsteinlegungen und Einweihungen der neuen Kirchen teil: am 4.

 

Gnadenkirche im Invalidenpark

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Mai 1890 war der Baubeginn der Erlöserkirche in Rummelsburg, am 20. Mai 1890 wurde der Grundstein zur Gethsemanekirche auf dem Prenzlauer Berg gelegt, am z. Juni 1890 zur Himmelfahrtkirche in Wedding, am 5. Juni zur Emmauskirche in Kreuzberg, am 11. Juni zur Gnadenkirche im Invalidenpark, am 22. März 1891 zur Kaiser–Wilhelm–Gedächtnis–Kirche am Tauentzien, am 18. April 1891 zur Lutherkirche in Schöneberg, am 15. Juni desselben Jahres zur Segenskirche in Reinickendorf, oder am 22. Oktober zur Kirche Zum Guten Hirten in Friedenau. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Und in ähnlich dichter Abfolge fanden die Einweihungen statt. 1893 wurden eingeweiht: am 26. Februar die Gethsemanekirche, am 10. März die Nazarethkirche, am 4. Juni die Himmelfahrtkirche, am 27. August die Emmauskirche, am 21. Oktober die Immanuelkirche; nicht anders war es 1894: Die Christuskirche wurde am 6. Januar eingeweiht, die Lutherkirche am 5. Mai, es folgten die Heilandskirche am 20. Juni, die Versöhnungskirche am 28. August, die Samariterkirche am 20. Oktober und die Apostel–Paulus–Kirche in Schöneberg am 29. Dezember – auch hier ist nur eine Auswahl der großen Berliner Kirchen aufgeführt; nicht berücksichtigt wurden dabei die Kirchen außerhalb Berlins, an denen der Kirchenbau–Verein bzw. der Kirchliche Hilfsverein auch ihren Anteil hatten.

Daß der Bau kirchlicher Gebäude nur der eine und sichtbarste Teil der Arbeit weltlicher und geistlicher Einrichtungen war, muß erwähnt werden. Die Bildung von Filialen, also Tochtergemeinden, war ein Aufgabengebiet für sich, an dem die Kaiserin nicht beteiligt war. Sie gehörte auch nicht in den Zuständigkeitsbereich des Vereins.

 

Die Kirche Zum Guten Hirten in Friedenau

Die „Kirche Zum Guten Hirten“ in Berlin–Friedenau ist ein Beispiel, wie es in langsamen Schritten von der Bildung einer Tochtergemeinde im Schoß der „Mater“ zur Anerkennung gemeindlicher Eigenständigkeit und schließlich zur Einweihung eines neuen Kirchengebäudes kam. Friedenau entstand 1871 als eine Landhauskolonie zwischen Steglitz und Schöneberg, die jedoch zum Gutsbezirk Wilmersdorf gehörte. Ihren Namen erhielt die Siedlung nach dem Friedensvertrag von Frankfurt 1871: „Frieden–Au“. Ein Blick auf den Stadtplan läßt die planmäßige Anlage der Siedlung erkennen, deren Mitte der Friedrich–Wilhelm–Platz mit der Kirche Zum Guten Hirten bildet. 1874 wohnten hier erst 1145 Siedler, aber ihre Zahl vergrößerte sich rasch. Kirchlich gehörten die Friedenauer zur Dorfkirche Wilmersdorf, der Vorgängerin der heutigen Auenkirche. Da sich sowohl Wilmersdorf als auch Friedenau ausdehnten und den Friedenauern der Weg in die ohnehin kleine Wilmersdorfer Dorfkirche zu weit war, gewöhnten sie sich daran, in einer Gastwirtschaft in der Rheinstraße eigene Andachten und Gottesdienste zu feiern. Als die finanziellen Forderungen des Gastwirts für die Saalmiete nicht mehr zu  

 

Kirche Zum Guten Hirten in Friedenau

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befriedigen waren, fand die Gemeinde Aufnahme in einem Schulgebäude in der Albestraße. Bis 1885 versahen die Wilmersdorfer Pfarrer den kirchlichen Dienst in Friedenau; danach erhielten die Friedenauer einen eigenen Geistlichen, und 1889 lösten sie sich von Wilmersdorf und bildeten eine selbständige Gemeinde. Nach wie vor fanden die Gottesdienste in der Schule in der Albestraße statt. 1890 hatte Friedenau 4211 Einwohner.

Der Gedanke, in Friedenau einen Kirchenbau zu errichten, war schon zu Beginn der siebziger Jahre erörtert worden. Nach mühseligen Verhandlungen kam es 188 3 zu einer Übereinkunft, den Friedrich–Wilhelm–Platz als Baugrund in Aussicht zu nehmen, zumal an der Ecke Goßlerstraße für das Pfarrhaus schon ein kostenloser Bauplatz zur Verfügung stand. Die Initiative, den Beginn der Bauarbeiten zu beschleunigen, ging 1890 vom Gemeindekirchenrat aus, indem er von sich aus an den Architekten Doflein herantrat. Dieser hatte sich erfolglos am Wettbewerb für die Gnadenkirche im Invalidenpark beteiligt, aber es war bekannt, daß sein Entwurf der Kaiserin gefallen hatte. Doflein bot den Friedenauern für die örtlichen Gegebenheiten zwei Vorschläge an, worauf sich der Gemeindekirchenrat für die Langschiffkirche aus rotem Backstein im gotischen Stil entschied. Die Kaiserin übernahm gern das Protektorat über diesen Kirchenbau, verwies aber für die weitere Unterstützung des Bauvorhabens auf den Evangelisch–Kirchlichen Hilfsverein und die Kirchenbau–Kommission. Damit mußte nun auch der Gemeindekirchenrat von Friedenau wie andere Gemeindevertretungen den langen, mühevollen Weg durch alle Instanzen beschreiten. Beteiligt waren u. a. die Regierung in Potsdam (Friedenau gehörte damals noch zum Kreise Teltow), der Minister für geistliche Unterrichts– und Medizinalangelegenheiten, die kirchlichen Behörden, die weltliche Gemeinde und die große Gruppe der Lieferanten und Handwerker mit ihren Vorstellungen über Preise und Lieferfristen. Darüber hinaus klaffte noch eine breite Finanzierungslücke, die die Regierung in Potsdam durch Auflagen an den Architekten zu schließen hoffte. Zur Herabsetzung der Kosten sollte beispielsweise die Turmhöhe verringert werden. Darauf aber ließen sich die Friedenauer nicht ein; es gelang ihnen, die fehlenden Gelder zusammenzubringen und so den ursprünglichen Entwurf Dofleins zu retten. An der Finanzierung des Kirchengebäudes wirkten mit: die :Muttergemeinde Wilmersdorf, die bürgerliche Gemeinde Friedenau, der Kaiser mit einer Beihilfe aus dem Allerhöchsten Dispositionsfonds und nicht zuletzt der Kirchenbau–Verein, der die Kosten für die Orgel übernahm.

Der Grund und Boden blieb Eigentum der bürgerlichen Gemeinde, so daß hierfür keine Kosten anfielen. Insgesamt waren 264.000 Mark verfügbar.

Für die Grundsteinlegung hatte die Gemeinde den Geburtstag der Kaiserin, den 22. Oktober 1891, ausersehen. Die Stiftungsurkunde mit ihrer Unterschrift gab dem neuen Gotteshaus den Namen „Kirche Zum Guten Hirten“.

In einer erstaunlich kurzen Zeit von etwa zwei Jahren wuchs auf dem FriedrichWilhelm–Platz die neue Kirche empor. Um mehr als 10.000 Mark wurde der

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Kostenvoranschlag zwar überschritten, doch die Bereitwilligkeit des Kirchenbau–Vereins, auch Kanzel und Altar zu bezahlen, das Entgegenkommen einiger Lieferanten, einen Preisnachlaß zu gewähren, und schließlich eine größere private Spende deckten das Defizit bald. Für die Innenausstattung, die drei Glocken, die Turmuhr, den Blitzableiter, die Leuchter, die Paramente und den Altarteppich wurden weitere Spender gefunden, allen voran die Kaiserin, die ein Chorfenster und die Figur des Guten Hirten über dem Eingang der Kirche stiftete.

Der Einweihung durch Generalsuperintendent D. Faber am 10. November 1893, Luthers 410. Geburtstag, wohnte Auguste Victoria persönlich bei. Faber verband in seiner Rede das Psalmenwort „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ (Ps. 23), das die Kaiserin in die Altarbibel geschrieben hatte, mit dem Namen der Gemeinde Frieden–Au, Aue des Friedens, während Pfarrer Görnandt über ein Textwort aus Psalm 118 predigte: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen“.

 

Kritische Stimmen

Die Einweihungsfeier in Friedenau war schlicht, vergleicht man ihren Verlauf mit der Festlichkeit, die für die Himmelfahrtkirche in Wedding am 4. Juni desselben Jahres 1893 veranstaltet worden war. Ging es hier noch um eine Stätte, in der Gottes Wort gepredigt werden sollte? fragten die Kritiker; gab die Einweihung der neuen Kirche zahlreich anwesenden Mitgliedern des Kaiserhauses nicht allzu deutlich die Gelegenheit auf die Verflechtung von Thron und Altar hinzuweisen, wurden Kirchenfeste nicht allzu schnell zu Kulissen für eine Selbstdarstellung der Monarchie? Die kritischen Stimmen konnten auch durch das festliche Glockengeläut und den Orgelklang nicht übertönt werden. In Bethel erkannte Bodelschwingh enttäuscht, daß sich der Kirchenbau–Verein von den Empfehlungen der ersten Zusammenkunft des Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins weit entfernt hatte, und die gebotene Bescheidenheit vermissen ließ, indem er aufwendige Gotteshäuser förderte, glanzvolle Gebäude, die einen auffallenden Gegensatz zu den Wohnquartieren in der Umgebung bildeten.

Und so sah es der Gemeindepfarrer Günther Dehn, der seit 1911 in Moabit an der Reformationskirche Dienst tat: „Und nun stand mitten unter diesem Volk die Reformationskirche. Sie war kein schöner Bau, ganz aus verstaubter kirchenbaulicher Tradition heraus in einer Art Neugotik errichtet, ohne Einfühlung in die lebendige Situation eines Arbeiterquartiers. Hier hätte ein Gemeindezentrum hingehört, das außer den Amtswohnungen und den Konfirmandensälen schöne helle Räume für Kinderpflege (Krippe, Kindergarten und Kinderhort) hätte haben

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müssen. Dazu ansprechende Räume für den Unterricht, für die Jugendarbeit und sonstige kirchliche Vereine. Für den Gottesdienst hätte ein Predigtsaal mit fünfhundert Plätzen genügt. Statt dessen hatte die Kirche einen gewaltigen Turm und bot 1300 Sitzplätze. Alle Nebenräume waren zu eng geraten. Der für die Bibelstunden und Versammlungen gedachte Saal war völlig verbaut. Aber wir hatten nun eine ,schöne` Kirche, und das Kaiserpaar war selber zur Einweihung erschienen, was auf die kirchlichen Leute einen unvergeßlichen Eindruck gemacht hatte. Wie wenig diese Kirche im Volke stand, zeigte sich mir, als ich einmal einen Arbeiter kennenlernte, der zwanzig Jahre ihr gegenüber gewohnt hatte und weder ihren Namen wußte noch, ob sie katholisch oder evangelisch sei.“

Höhe und Weiträumigkeit zeichneten die meisten der bis 1918 errichteten Berliner Kirchen aus. Ihre Bauzeit lag in der Regel unter fünf Jahren. Dazu zählten auch die aufwendigste von ihnen, die Kaiser–Wilhelm–Gedächtniskirche, die zwischen 1891 und 1895 entstand, oder die Heiligkreuzkirche am Halleschen Tor, die schon nach dreijähriger Bauzeit vollendet war, oder die Gethsemanekirche. In der äußeren Erscheinung war das Vorbild der rheinischen Romanik, von Kaiser Wilhelm II. seit dem Erlebnis des Domes von Speyer besonders geschätzt, bei der Kaiser–Wilhelm–Gedächtniskirche und bei der Gnadenkirche am Invalidenpark deutlich zu erkennen. Bei anderen Kirchen hatte sich die Kommission für Entwürfe im gotischen Stil entschieden und damit den Empfehlungen des 1861 verabschiedeten Eisenacher Regulativs entsprochen, das rote Backsteinkirchen in Anlehnung an die Gotik vorsah. Neben Franz Schwechten, dem Erbauer der Kaiser–Wilhelm–Gedächtniskirche und der Apostel–Paulus–Kirche, sind als Architekten u. a. Orth, Spitta, Otzen, Moeckel, Vollmer, Kühn, Blankenstein und Menken zu nennen, die auch katholische Kirchen entwarfen. Auf Doflein, der nach seiner Erfolglosigkeit im Wettbewerb um die Gnadenkirche im Invalidenpark die Kirche Zum Guten Hirten in Friedenau erbaute, wurde schon hingewiesen.

Nachdem die Hochstimmung der Einweihungsfeiern mit Lobes– und Dankesgesängen dem Alltag Platz gemacht hatte, traten auch die Nöte der Gemeinden wieder hervor. Sie beruhten nicht allein auf materiellen Dingen, sondern ergaben sich aus der Tatsache, daß trotz der schönen Gotteshäuser die Kirchenferne der Menschen keineswegs verringert werden konnte. Wenn jedoch Sekten und Gemeinschaften einen nicht nachlassenden Zulauf fanden, so bedeutete das allerdings, daß die Kirche in ihrer traditionellen Form auch Menschen nicht erreichte, die Glaubensfragen im Grunde aufgeschlossen waren. Durch Gruppenarbeit und Bibelkreise versuchten die Gemeindepfarrer persönliche Kontakte zu fördern und dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Auch die von der Kaiserin Auguste Victoria angeregte „Frauenhilfe“ ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen. Sie hatte sich den praktischen sozialen Einsatz innerhalb der Gemeinden zum Ziel gesetzt,

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stand für Hilfe bei häuslicher Krankenpflege, Fürsorge in bedrängten Familien, für die Beaufsichtigung von Kindern, die Verteilung von Liebesgaben und für Besuche bei Alten und Einsamen bereit, fand also neben dem Vaterländischen Frauenverein ein lohnendes Betätigungsfeld.

 

Doch mehr als mit der „Frauenhilfe“ verbindet sich bis heute der Name der Kaiserin mit dem Kirchenbau. Bis zum Jahre 1900 waren 49 Kirchen mit Förderung des Vereins vollendet worden, 8 weitere standen kurz vor ihrer Einweihung. Seit 1903 dehnte der Verein seine Tätigkeit zunehmend über die Grenzen Berlins und seiner Vororte in die Provinzen hinein, ja auch auf das Ausland, aus.

 

Reformationskirche in Moabit

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Die bekannteste Einrichtung war damals die Kaiserin–Auguste–Victoria–Stiftung auf dem Ölberg bei Jerusalem, ein Hospiz und Erholungsheim, deren Gründung 1898 während der Reise des Kaiserpaares in das Heilige Land beschlossen worden war. Sondermittel für den ostpreußischen Kirchenbau kamen 1901 zusammen, als sich die Krönung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. in Königsberg 1701 zum 200. Mal jährte. Statt aufwendiger Geschenke und kostspieliger Festveranstaltungen erbat sich das Kaiserpaar Spenden für die Errichtung von Kirchen in Ostpreußen, wo in weiten Gebieten die Gemeinden noch zu groß waren, um durch einen Pfarrer angemessen versorgt werden zu können. Hier durch Bildung von Filialen und die Einrichtung von Hilfspredigerstellen Abhilfe zu schaffen, war das Ziel des Königsberger Konsistoriums und des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin. Die aus dem sogenannten Jubiläumsfonds zusammengebrachten Gelder reichten für den Bau von zwölf Kirchen und zwei Kapellen aus. Die Verteilung der Geldmittel geschah nach den Grundsätzen des Kirchenbau–Vereins. Diese neuen ostpreußischen Kirchen wurden unter dem Namen „Jubiläumskirchen“ bekannt. Es handelte sich bei ihnen um einfache rote Backsteingebäude, in Erinnerung an die mittelalterlichen Deutschordenskirchen im gotischen Stil errichtet, und auch in ihrer Innenausstattung waren sie von großer Schlichtheit.

 

Wirkung der Wohltätigkeit

Die Tätigkeit des Kirchenbau–Vereins brach 1918 ab und kam 1930 gänzlich zum Erliegen. Es fehlte die Persönlichkeit, der Motor, der zur Spendenfreudigkeit aufrief, es fehlte der Kreis um die Kaiserin, der die Aufträge prüfte und über die Verteilung entschied, und es fehlten letztlich auch die Geldgeber. Die Kaiserin, in den Revolutionstagen von der Haßwelle gegen das Kaiserhaus tief getroffen, hat wohl erst zu diesem Zeitpunkt erkannt, wie breit die Kluft war, die auch sie trotz ihres Einsatzes, Gutes zu tun, von weiten Teilen der Bevölkerung trennte. Eine in der Umgebung Auguste Victorias lebende Hofdame hat das in ihren Erinnerungen so ausgedrückt: „Wäre man am Kaiserhof der Stimmung im Volke bewußter gewesen, hätte man in vielen Dingen klüger gehandelt.“ Wie keine ihrer Vorgängerinnen hatte die Kaiserin bei ihren vielen Besuchen in Krankenanstalten, in Schulen, Fabriken, Werkstätten und Heimen, bei Grundsteinlegungen und Einweihungen die Nähe zur Bevölkerung gesucht, aber hatte sie sie nicht immer nur in festlicher Stimmung, auf das besondere Ereignis hin vorbereitet, erlebt? 1882

 

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hatte Hinzpeter der jungen zukünftigen Kaiserin in seinen „sozialistischen Expektorationen“ erläutert, daß das helfende Eingreifen durchaus nicht durch materielle Hilfe erfolgen müsse. Vielmehr liege die Wirkung im Auftreten eines Herrschers oder einer Herrscherin, in ihrem Erscheinen selbst begründet. Besuchte die Prinzessin beispielsweise eine Werkstatt, so faßten die Arbeiter dies als Ehrenbezeugung gegen ihre Arbeit auf und fühlten sich durch das Interesse, das die eingehenden Fragen bekundeten, gehoben. „Glauben Ew. Königliche Hoheit, daß dies nichts ist?“ so hatte Hinzpeter geschrieben, „Durch Maschine und Fabrik, durch Kapitalherrschaft und Abhängigkeit der Arbeit ist dieser die Ehre verloren gegangen und damit dem Arbeiter das Selbstbewußtsein, eine reiche Quelle moralischer Kraft, deren die gedrückten unteren Klassen wenigstens ebenso sehr bedürfen wie materieller Verbesserung . . .

In diesem Sinne hatte Auguste Victoria ihre Aufgabe verstanden und „mit warmem, gütigen Herzen im weitesten Bereich nur überall helfen wollen“. Daß andere Kräfte stärker waren, die sie nicht beeinflussen konnte, vermochte sie lange nicht zu erkennen. Doch ihre Spuren sind nicht verweht. Es blieben als sichtbare Zeichen ihres Einsatzes die Kirchen. Viele von ihnen bestimmen trotz Krieg und Zerstörung noch immer das Bild dieser Stadt, ratlos betrachtet und wenig geliebt, wenn es um ihre Erhaltung und bauliche Pflege geht, aber betrauert, wenn ein Kirchenbau, wie die Versöhnungskirche an der Bernauer Straße, beseitigt werden maß, verteidigt, wenn es um den Fortbestand als Gemeindekirche geht, wie bei der Hochmeisterkirche in Wilmersdorf, oder zur Zufluchtsstätte erhoben, wie die Gethsemanekirche, die 1989 zum Denkmal der politischen Wende geworden ist.

Mit Sitz in Friedenau arbeitet seit einigen Jahren wieder ein Evangelischer Kirchenbauverein, dessen Ziele denen bei der Gründung des Kirchenbau–Vereins durch das Kaiserpaar 1890 nicht entsprechen können, der sich aber in seiner Tradition sieht und in der Satzung diesen Gedanken auch zum Ausdruck bringt. Er fördert die kirchliche Denkmalpflege insbesondere dort, wo es um Einrichtungen des 19. Jahrhunderts geht, für deren Fortbestehen und Erhalt vielfach das nötige Verständnis fehlt.

Und es blieb die Erinnerung an die Kaiserin. Auch die der Monarchie und besonders dem deutschen Kaiserhause gegenüberkritisch eingestellte Geschichtsschreibung berichtet über Auguste Victoria und ihren Versuch, zur Minderung sozialer Härten beizutragen, angemessen und mit Verständnis. Als die Kaiserin 1921 im Antikentempel im Park von Sanssouci beigesetzt wurde, erhielt die als „unauffällig“ geplante Veranstaltung nahezu den Charakter eines Staatsbegräbnisses. Die Menschen, die in einem langen Trauerzug der aus dem niederländischen Doorn Heimgekehrten die letzte Ehre erwiesen, taten es nicht zuletzt aus Dankbarkeit für eine Frau, die nicht wenige von ihnen als Wohltäterin empfunden haben.

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Anmerkungen

Überarbeitete Fassung des Vortrags „Kaiserin Auguste Victoria und der Berliner Kirchenbau–Verein“ vom 6. Juni 1991 im Berliner Dom.

 Literatur: Eine moderne Biographie liegt bisher nicht vor, sieht man von dem Erinnerungswerk der Herzogin Viktoria Luise: Deutschlands letzte Kaiserin. Göttingen 1971, einmal ab. Ältere biographische Darstellungen: Ernst Evers: Auguste Victoria. Das Lebensbild der deutschen Kaiserin. Dem deutschen Volke dargeboten. 4. Aufl. Potsdam 1908. – Karl Strecker: Unsere Kaiserin. Lebensbild einer deutschen Frau. z. Aufl. Berlin o.J. (nach 1921). – Paul Lindenberg: Das Buch der Kaiserin Auguste Viktoria. Berlin–Schmargcndorf u. Leipzig 1927. – Lexikalische Behandlung mit weiterführender Literatur: Dieter Lohmeier: Auguste Victoria. In: Schleswig–Holst. Biographisches Lexikon. Die drei ersten Kirchen der Kaiserin für Berlin. Erlöser–Kirche. Himmelfahrt–Kirche, Gnadenkirche. (Verf.: Ernst Frhr. von Mirbach. Als Mskr. gedruckt, Berlin 1902). –Dienet einander! Geschichte des Evangelischen Vereins für kirchliche Zwecke in Berlin von 1848–1898. Denkschrift zur fünfzigjährigen Jubelfeier am 14.Juni 1898. Hrsg. von Joachim Dietrich. Berlin 1898. –Ernst Frhr. von Mirbach: Die Kaiser–Wilhelm–Gedächtnis–Kirche. Dem Engeren Ausschuß des Evangelisch–Kirchlichen Hilfsvereins, dem Vorstande des Kirchenbauvereins, der Gemeinde, den Freunden und Förderern des Kirchenbaues, zum 22. März 1897. Berlin 1897. – Das deutsche Kaiserpaar im Heiligen Lande im Herbst 1898. Mit Allerhöchster Ermächtigung Seiner Majestät des Kaisers und Königs bearbeitet nach authentischen Berichten und Akten. Berlin 1899. – Bericht über das Begräbnis der Kaiserin: Tägliche Rundschau, 19.4. 1921 (Abendausgabe). – Kaiserin Auguste Viktoria zum Gedächtnis. Ihr Leben und Wirken, ihre Heimkehr und Beisetzung. Berlin 1921. – Unsere verewigte Kaiserin Auguste Viktoria. Ein Gedenkblatt aus Tagen der Trauer. Hrsg. von Johann Kritzinger. Berlin–Utrecht 1921 . –Berlin und seine Bauten. Hrsg. vom Architekten–Verein zu Berlin. Berlin 1896. – Wolfgang Ribbe: Zur Entwicklung und Funktion der Pfarrgemeinden in der evangelischen Kirche Berlins bis zum Ende der Monarchie. In: Seelsorge und Diakonie in Berlin. Beiträge zum Verhältnis von Kirche und Großstadt im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Hrsg. von Kaspar Elm und Hans–Dietrich Loock. Berlin 1990. S. 233–263. – Friedrich von Bodelschwingh: Briefwechsel. Ausgewählt und hrsg. von Alfred Adam. Bethel 1866–1974. – Martin Gerhardt und Alfred Adam: Friedrich von Bodclschwingh. Ein Lebensbild. 2 Bde. 1950–1958. –Julius Müller: Chronik der Kirchengemeinde Zum guten Hirten Berlin–Friedenau von ihrer Entstehung 1871 bis 30. September 1930. Berlin–Friedenau 1930. – Kirche Zum guten Hirten Berlin–Friedenau. Aus Baugeschichte und Planung. Der Bethanienaltar. Berlin o. J. (1986). (Hefte des Evgl. Kirchenbauvereins. 2.) – Quellen: Ungedruckt die Schreiben Georg Hinzpeters über die sozialen Probleme und Hilfeleistungen durch Auguste Victoria im Bestand Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, BPH Rep. 53 Nr. 103–114.

Bei der Beschaffung des Bildmaterials wurden wir im Besonderen von Frau Elisabeth Stephani unterstützt; wir verdanken ihr die Vorlagen zu den Abbildungen: 3, 4, 5, 6, 12, 14, 15, 18, 19 –Ferner dem Heimatmuseum Reinickendorf: 16.–Aus „Deutsche Kirchen“ Bd. 1 „Die evgl. Kirchen in Berlin“, ed. Wilh. Lütkemann, Berlin 1926: 2, 7, 8, 20, 22, 24, 30. – Alle übrigen Abbildungen: Evangelischer Kirchenbauverein

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