Evangelischer Kirchenbauverein

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Entwicklung und Funktion der Chorabschrankungen in Schweden vor 1700 - Anna Nilsén


Dieser Vortrag wird hauptsächlich von der Gestaltung der Chorgrenze in den Dorfkirchen vor 1700 handeln.
Die praktisch-liturgischen Anordnungen wechseln von Land zu Land, von Provinz zu Provinz – ja, manchmal sogar von Kirchspiel zu Kirchspiel, und die liturgischen Voraussetzungen einer Dorfkirche oder einer kleineren Stadtpfarrkirche sind anders als die einer Kathedrale usw. Aus diesem Grund kann man nie allgemeingültige Aussagen über diese Dinge machen, und vor allem nicht auf Grund eines kleinen oder örtlich begrenzten Materials. Diese Gegebenheiten bilden für meine Forschung über den Kirchenraum einen wichtigen Ausgangspunkt.
Ich möchte zuerst etwas über die historischen und geografischen Voraussetzungen Schwedens sagen. Die Insel Gotland gehörte während des Mittelalters (ab 1361) und der Reformationszeit fast ausnahmslos politisch zu Dänemark, aber in kirchlicher Hinsicht zu Schweden (Linköping Diözese). Jämtland und Härjedalen zu Norwegen, aber in kirchlicher Hinsicht zu Schweden (Uppsala). Die südlichen Provinzen Schonen, Halland und Blekinge wiederum zu Dänemark, und wurden erst im Jahre 1658, beim Friedensvertrag in Roskilde, schwedisch. Finnland war bis ins 19. Jh eine schwedische Provinz. Was die südlichen Provinzen betrifft, wird ihre Zuhörigkeit zu Dänemark insbesondere durch ihre Architektur und die liturgischen Anordnungen der Kirchen deutlich. In diesen Beziehungen haben die Kirchen nur wenig mit denen des übrigen Schwedens gemein – aber andererseits viel mit denen des mittelalterlichen und nachreformatorischen Dänemarks.
Ähnlich sind die Verhältnisse zwischen Schweden und Norwegen. Norwegen hat viel mit England gemein, was nur zu natürlich ist im Hinblick auf die kulturellen Verbindungen, besonders vor 1300. Man muss also die skandinavischen Länder in diesem Zusammenhang als von einander selbständige Einheiten betrachten.

Die Quellensituation ist, was Schweden betrifft. nicht sonderlich ergiebig. Vom Innenraum der ältesten Kirchen wissen wir wenig und folglich auch wenig von ihrer Einrichtung. Von dieser Zeit und vom Mittelalter überhaupt haben wir keine schriftlichen Dokumente, die uns etwas über den Innenraum der Kirchen erzählen können. Eine Ausnahme: die berühmte Vision der heiligen Birgitta vom Innenraum der künftigen Klosterkirche zu Vadstena. Birgittas Beschreibung ist ein interessantes Dokument, hat aber wenig mit den hier behandelten Verhältnissen zu tun. Die Forscher müssen sich meistens auf die Archäologie verlassen. Von den Dorfkirchen wissen wir in Schweden viel weniger als von den grösseren Kirchen.
Die Kunsthistoriker haben, wie Frau Schmelzer in ihrer Arbeit über die Lettner (2004) betont,
der Funktion des Kirchenraums  lange wenig Interesse gewidmet. Gleichwohl meine ich, dass man diesbezüglich in Deutschland nicht so säumig gewesen ist wie in vielen anderen Ländern. Schon 1947 schrieb Edgar Lehmann in der Zeitschrift für Kunst einen Aufsatz über das Thema ”Von Sinn und Wesen der Wandlung in der Raumanordnung der deutschen Kirchen im Mittelalter”. Andere deutsche Forscher haben auch, wenn auch beiläufig, die Funktion berührt, und Frau Schmelzer hat in ihrer genannten Arbeit der Funktion ein ganzes Kapitel gewidmet.

Ich hoffe heute, ein wenig Licht auf die Entwicklung der Gestaltung der Chorgrenze in den schwedischen Dorfkirchen zwischen 1100 und 1700 werfen zu können. Meine Untersuchung dieses Materials (Focal Point of the Sacred Space, Uppsala 2003) umfasst zwar eine weitergefaßte Zeitspanne und streckt sich bis zur Jahrhundertwende 1900. Die interessantesten Änderungen treten jedoch vor 1700 ein. Aber sowohl vor wie nach 1700 sind die Veränderungen in der Chorgrenze meistens ganz klar mit liturgischen Veränderungen oder mit der Entwicklung der Frömmigkeit verknüpft. Es gibt jedoch auch modisch bedingte Veränderungen, die meistens mit dem Schmuck der Kirche verbunden sind, wie zum Beispiel die schön geschnitzten Ornamente auf den vordersten Bänken, die oft zusammen mit sogenannten Pyramiden oder Urnen im 18. und 19. Jahrhundert als Markierungen der Chorgrenze vorkamen (Bild 1–3). Das Wort Pyramide hat in diesem Zusammenhang sehr wohl etwas mit Feuer und Flammen zu tun.

 

Bild 1. In der Kirche zu Hög, Hälsingland, ist Schmuck aus den 18. Jahrhundert noch bewahrt. Wir sehen hier die schön geschnitzten Ornamente auf den vordersten Bänken. Photo Anna Nilsén.

Bild 2. Hög, Hälsingland. Sogennante Pyramiden waren mit den in Bild 1 gezeigten Schnitzereien kombiniert. Sie waren oft mit skulptierten Flammen gekröhnt. Photo Anna Nilsén.

Bild 3. Geschnitzte Urnen die oben mit Flammen geziert waren, wurden im 19. Jahrhundert die ”Pyramiden” ersetzen. Hier ein Exempel in der Kirche von Fors, Jämtland. Photo Anna Nilsén.


Um Missverständnisse zu vermeiden möchte ich gern einige Definitionen geben. Mit der Altarschranke meine ich die Abgrenzung des Hauptaltars vom Chor auf zwei oder drei Seiten, die auch in kleineren Kirchen in einzelnen Fällen vorkamen, wie Spuren zeigen. Meistens hat man aber in den Dorfkirchen nur Vorhänge benutzt, weil auch in den grösseren Kirchen sowohl Schranken als Vorhänge benutzt wurden (Bild 4–5).

Bild 4. Übertünchte Spuren von abgesägten Balken sind in der Kirche von Nauvo (Nagu) in Finnland auf beide Seiten des Altars zu sehen. Diese rühren wharscheinlich von einer mittelalterlichen Altarschranke her. Photo Anna Nilsén.

Bild 5. Altar mit Vorhänge in Arras, Frankreich. Nach J. Braun SJ, Der christliche Altar (1924).

 

Die Abgrenzung des Chores vom Gemeindeteil der Kirche nenne ich Chorschranke. Es gibt auch andere chorabtrennende Anordnungen, wie zum Beispiel trennende Wände und Lettner. Mit einer trennenden Wand meine ich eine Wand, die von einem oder mehreren Eingängen durchgebrochen ist. Mit Lettner meine ich dasselbe als Lectorium.
Lettner waren im eigentlichen Schweden selten und waren – ein paar unsichere Fälle ausgenommen – Anordnungen die nur in Stadt-, Dom- und Klosterkirchen vorkamen. Mittelalterliche, gemauerte Lettner sind unter anderem in Vreta Kloster, Visby Marienkirche (Bild 6) und Uppsala Domkirche belegt. Kein Beispiel ist bewahrt. Was das Vorkommen von Lettnern betrifft, unterscheidet sich Schweden auffallend von den Nachbarländern. In Norwegen und Dänemark sind mehrere Beispiele in den mittelalterlichen Dorfkirchen belegt (Bild 7).


Bild 6. Rekonstruktion der mittelalterlichen Lettner in der Marienkirche zu Visby. Nach Sveriges kyrkor 175 (1978).
 

Bild 7. Der Lettner in Kinn, Norwegen (um 1250). Versuch einer Rekonstruktion. Nach A. Schjetlein-Johannessen, Kinn kirkes lektorium (1962).

 

Wahrscheinlich gibt für den Unterschied zwischen Schweden und den Nachbarländern keine liturgische Erklärung. Er bezieht sich vermutlich eher auf lokale Sitten oder Umstände. In der Diözese von Lund, die noch hundert Jahre nach der Reformation zu Dänemark gehörte, fuhr man bis ins 17. Jh damit fort, Lettner an der Chorgrenze zu bauen (Bild 8), während im nachreformatorischen Schweden überhaupt keine Lettner gebaut wurden. In Korpo, Finnland gibt es einen rekonstruierten Lettner (Bild 9).


Bild 8. Lettner in Tönder Kirche, Dänemark. Photo Danmarks kirker, Köpenhamn.
 

Bild 9. Korpo Kirche, Finnland. Der rekonstruierte Lettner. Photo Anna Nilsén.

 

Er ist wahrscheinlich nachreformatorisch, denn er hat eine Kanzel in der Mitte wie die nachreformatorischen dänischen Lettner. Der Korpo Lettner mit der schönen gotischen Ornamentik könnte also aus der Mitte des 16. Jhs stammen.
In den schwedischen Dorfkirchen hat man im Mittelalter hingegen wahrscheinlich hölzerne Lesepulte für die liturgischen Lesungen benutzt oder vielleicht eher die Lesungen am Altar vorgenommen. Nichts deutet darauf hin, dass die dänischen Lettner die Sicht in den Chor gehindert haben, denn sie standen auf hohen Pfeilern oder waren alternativ hoch in dem Chorbogen plaziert (Bild 8 und 10).

Bild 10. Kropp Kirche, Schonen. Nachreformatorischer Lettner (um 1580). Photo nach Kirkens bygning og brug (1983).

Die Situation war in Norwegen ähnlich, aber hier gab es vermutlich niedrige Schranken wie in England, auch wenn die Schranke, die wir in Kinn sahen (Bild 7), eine Rekonstruktion ist. Dieser Lettner war aber für die schwedischen Dorfkirchen kein typisches Beispiel.

In den ältesten Dorfkirchen Schwedens, die meistens ganz klein waren, gab es eine deutliche Abtrennung zwischen Chor und Langhaus, meistens in der Form einer Wand mit einer schmalen Türöffnung, manchmal nur 80 – 90 Centimeter breit. Dazu ein Paar Beispiele, zuerst der rekonstruierte Plan der Kirche von Granhammar in der Provinz Närke (Bild 11), wo die Choröffnung ein wenig unter 80 Zentimeter war.

Bild 11. Vintrosa, Närke. Plan der Ruine nach S. Zachrisson, Försvunna småkyrkor på Närkeslätten (1984).

Ein anderes Beispiel ist die Ruine der ältesten Kirche von Sundsjö in der Provinz Jämtland, deren Choröffnung etwa 90 Centimeter breit war (Bild 12).

Bild 12. Die Ruine von Sundsjö Kirche in Jämtland. Photo Anna Nilsén.

 

Hier war der Chor kaum breiter als diese Öffnung, und es gab gerade genug Platz für den Priester am Altar. Für seitliche Altäre im östlichen Teil des Langhauses war kein Platz. Dies alles besagt vielleicht etwas vom über die bescheidene Ausgestaltung des damaligen Gottesdienstes in den Dorfkirchen. Auch der Heiligenkult war damals sicherlich noch kaum ausgeprägt. Die praktisch-theologische Forschung meint, dass die Predigt in den Dorfkirchen bis Mitte des 15. Jahrhunderts normalerweise nur aus einer einfachen Texterklärung nach der Lesung des Evangeliums bestand. Thematische Predigten sind erst später belegt (Roger Andersson, Postillor och predikan, Stockholm 1993).
Die ältesten Gesetzte Schwedens sprechen von den Balken der Kirchentür als der Stelle von der der Priester zu seiner Gemeinde sprach. Das Wort Kirchentür meint hier die Öffnung zwischen Chor und Langhaus und bedeutet weiter, dass das Wort Kirche für das Langhaus benutzt wurde. Daraus folgt dass der Chor und das Langhaus damals als separate Einheiten betrachtet wurden.
Die Beispiele von Kirchen mit solchen schmalen Verbindungen zwischen Chor und Langhaus befinden sich meistens in den westlichen Teilen Schwedens, was möglicherweise darauf hindeutet dass es sich hier um eine Übergangsregion zwischen Schweden und Norwegen handelt. Diese schmale Türöffnungen sind für die ältesten Kirchen in Norwegen typisch. Keine Schranken waren in diesen schmalen Öffnungen vorhanden. Um die Heiligkeit des Chores im Vergleich zum Langhause zu markieren, war der Fussboden des Chores erhöht, wie man es in der Ruine von Sundsjö in Jämtland noch sehen kann (Bild 12). In Norwegen hat man belegt, dass man in Kirchen mit so einer schmalen Choröffnung den Chor jeweils mit einer Tür schließen konnte (Edith M Nygaard, De romanske steinkirkene i Telemark, Magisterabhandl. Oslo1996).
Es gibt auch archäologische Indikatoren dafür, dass während des 12. und frühen 13. Jahrhunderts eine trennende Wand mit zwei Öffnungen zwischen Chor und Langhaus stellenweise vorkam. Trennende Wände dieser Art sind in Südschweden und auf Gotland belegt. In Mittelschweden kenne ich jedoch nur ein Beispiel, die ursprüngliche Choröffnung der ersten Domkirche zu Uppsala, heute Alt-Uppsala. Wir sehen in der Kirche von Tingstäde auf Gotland (Bild 13) Spuren so eines doppelten, romanischen Choreingangs, wo jetzt lediglich eine weite und breite, hochgotische Choröffnung zu finden ist.

Bild 13. Der Chorbogen von Tingstäde Kirche auf Gotland vom Chor gesehen. Man sieht hier die Spur eines kleineren Bogen. Photo Anna Nilsén.

Die Funktion der doppelten Öffnung ist unklar. Vielleicht diente sie der Prozessionsordnung. Solch ein Choreingang hat aber die Sicht zwischen Chor und Langhaus erschwert.
Warum gab es diese scharfe Markierung zwischen Chor und Langhaus? Dieser Kirchenraum mit seiner klaren Aufteilung spiegelt wahrscheinlich die Beziehungen des Priesters zur Gemeinde wider. Der Chor war der Ort, wo der Priester in der Messe stellvortretend für die damals noch hauptsächlich passive Gemeinde vor Gott trat. Für die Gemeinde war bis dahin das wichtigste, die Messe zu hören. Man brauchte noch nicht den messenden Priester am Altar zu sehen. Der Chor wurde vermutlich im Lichte dieser Tatsachen wie ein Vorraum des Himmels betrachtet. Die Gemeinde hatte also bisher keine aktive Rolle in der Messe. Doch dies sollte sich in der späteren Hälfte des 13. Jahrhunderts ändern. Mit dieser Entwicklung waren auch Änderungen in der Chorgrenze verbunden.
Um 1275 beginnt in Schweden ein umfassender Umbau der alten romanischen Kirchen, die manchmal neue, grosse und geräumige Chorgebäude bekamen. Auf Gotland kann man solche besonders gut erkennen, wo der Neubau des Langhauses nie zu Stande kam (Bild 14).

Bild 14. Garda Kirche, Gotland, mit ihrer romanischen Langhaus und hochgotischen Chor. Photo Anna Nilsén.
 

Die Wände zwischen Chor und Langhaus wurden abgebrochen, oder bekamen weite und hohe Öffnungen zwischen den beiden Räumen wie in Tingstäde auf Gotland (Bild 13). Andere Beispiele sind die Chorbogen in Vendel oder Tensta, Uppland (Bild 15–16).

Bild 15 Vendel Kirche, Uppland. Interieur gegen Ost. Photo Anna Nilsén.

Bild 16. Tensta Kirche, Uppland. Interieur gegen Ost. Photo Anna Nilsén.


Meistens baute man aber neue Kirchen, und diese Neubauten sind überwiegend Saalbauten, das heisst Kirchen ohne separaten Chor. Es gibt in Schweden auch keine Anzeichen dafür, dass man den neugewonnenen Einblick in den Chor mit hohen Schranken blockiert hat. Ich spreche hier von den Dorfkirchen. Die grösseren Kirchen mit ihrer umfassenderen Liturgie brauchten noch einen separaten Chor. Für die Messen der Gemeinde gab es in diesen Kirchen einen Laienaltar im östlichen Teil des Langhauses (Bild 17).

Bild 17. Rogier van der Weiden (um 1453–55). Diese Malerei zeigt ein Kircheninterieur mit dem Priester am Laienaltar die Messe zelebrierend. Detail. Photo Anna Nilsén.

Für solch einen extra Messealtar war aber in den ländlichen Pfarrkirchen kein Bedarf. Hier gab es nur einen Messealtar und das war der Hauptaltar.
Man hat auch oft auf ökonomische Ursachen dieser Baukampagne hingewiesen, aber viel wahrscheinlicher ist, dass man in diesem Fall in erster Linie eine liturgisch verknüpfte Erklärung suchen sollte. Im Jahre 1215 hatte der Papst das Dogma der Transsubstantiation gestiftet, und 1264 wurde dieses Dogma bei der Einstiftung des Fronleichnamsfestes noch verstärkt. Gleichzeitig entwickelte sich schon seit dem 12. Jahrhundert die Sitte, das geweihte Brot, das heisst die Hostie, in der Messe zu erheben, um von der Gemeinde gesehen und angebetet zu werden. Es reichte  am Ende des 13. Jahrhundert nicht mehr aus, die Messe zu hören, sie musste auch angeschaut werden (Bild 18).

Bild 18 Geschaute Messe mit Anbetung der Hostie. Handschrift. Bologna (1350–75)


Während des 13. Jhs, parallel zur Entwicklung der geschauten Messe entwickelte sich um den Messealtar eine neue visuelle Pracht und visuelle Effekte, die das Geschehen am Altar begleiteten, zum Beispiel Engel auf Stangen angebracht, die um den Altar standen und die mit ihren beweglichen Armen mit Glöckchen bei der Wandlung läuteten usw (Bild 19).

Bild 19. Övergran Kirche, Uppland. Engel auf Stange (um 1480). Photo Anna Nilsén.

Es war ein Schauspiel für das Auge! Und dafür brauchte man einen neuen Kirchenraum, einen Raum mit viel mehr Platz um den Messealtar als früher, auch sollte nichts die Sicht auf die neue prachtvolle Gestaltung und die Elevation der Hostie hindern. Diese Prozesse der Erweiterung vom Chor zur Gemeinde hin, fanden in den schwedischen Kirchen hauptsächlich während der Zeit von 1275 bis1325 statt, das heisst gleichzeitig mit der Einführung der Elevation in Schweden.

Zwar haben sich die Forscher gewundert, dass es in Schweden keine Spuren von hohen Chorschranken in der Chorgrenze der Dorfkirchen vor dem letzten Viertel des 16. Jhs gibt, und auch keine schriftliche Erwähnungen solcher Schranken. Man hat aber ihr Vorkommen trotzdem nicht bezweifelt und Rekonstruktionen von vermeintlich mittelalterlichen Schranken versucht. So etwas in der Husaby Kirche in Västergötland, dessen älteste Teile von einer Renaissanceschranke stammen (Bild 20).

Bild 20. Husaby, Västergötland. Detail von der rekonstruierten Schranke. Photo Anna Nilsén.

 Ein anderes Beispiel gibt es in der Ragunda Kirche in Jämtland, das detailgetreu auf eine Schranke von 1689 zurückgeht (Bild 21).

Bild 21. Ragunda, Jämtland. Die rekonstruierte Schranke, die von Reste einer Schranke aus dem 17. Jahrhundert inspiriert ist. Photo Anna Nilsén.

 

Beide Schranken sind als mittelalterlich zu betrachten oder in Anlehnung danach. Chorschranken in Dorfkirchen werden aber erst am Ende des 16. Jahrhunderts in den kirchlichen Dokumenten genannt. Meines Erachtens gab es keine Chorschranken in den schwedischen Dorfkirchen im späten Mittelalter, zumal es keine Laienaltäre in ländlischen Kirchen gab und man deshalb gute Sicht auf den Hochaltar brauchte.
Die wirkliche Blütezeit der hohen Chorschranken in den Dorfkirchen ist aber erst zwischen 1620 –1640. Nach 1640 findet man in den kirchlichen Dokumenten oft Angaben, dass man die Schranken weggenommen hat. Die Ursache dafür wird auch oft angegeben: Die Schranken hinderten die Sicht. Der Gottesdienst wurde gegen Mitte des 17. Jahrhunderts immer prächtiger ausgestaltet und wurde noch einmal zum Fest für das Auge mit schönen Messgewändern, schön hergerichtetem Altar usw.

Es stellt sich schließlich allerdings die Frage, weshalb man die Schranken überhaupt gebaut hatte. Eine Ursache war zweifellos, die Kirche auszuschmücken. Die Schranken wurden oft von Privatpersonen finanziert, und der Donator solch einer Gabe konnte seine Insignien Mitten am Balken der Schranke plazieren und dadurch sein persönlichen Ansehen erhöhen (Bild 22).

Bild 22. Kongsted, Dänemark. Detail von der Chorschranke (1619). Photo Anna Nilsén.


Es gibt jedoch eine andere und vermutlich noch wichtigere Ursache dieses Schrankenbauens. Die schwedischen Reformatoren wünschten einen behutsamen Übergang zur Lutherischen Lehre zustande zu bringen – der Gottesdienst wurde zum Beispiel noch ”Messe” genannt. Sie sollten aber während der Laufe des 16. Jahrhunderts vergebens versuchen, einige der als besonders anstössig betrachteten katholischen Sitten abzuschaffen, in erster Linie die Elevation der Hostie in der Messe. Die Elevation wurde im Laufe der Zeit in zunehmenden Masse mit abergläubische Vorstellungen behaftet. Vor dem neuen Gottesdienst, besonders der Predigt, hatten aber die neureformierten Gemeindemitglieder wenig Respekt und blieben manchmal auf dem Kirchplatz stehen, um beim Nahen des Elevationsmoments der Messe in die Kirche zu ”stürzen”, wie ein damaliger Priester es nicht ohne Irritation ausgedrückt hat. Die Elevation wurde, besonders in den Dorfkirchen, von der Gemeinde noch als den Höhepunkt der Messe betrachtet. Erst in den 1590er Jahren versuchte man bei den kirchlichen Synoden Verbote gegen den Gebrauch der Elevation einzuführen. Dies gelang schliesslich im Jahre 1596. Die Wirkung dieses Beschlusses war aber bescheiden, denn hier und da kam im 17. Jahrhundert die Elevation noch vor. Meines Erachtens wurde die nachreformatorische Chorschranke ein Werkzeug der lutherischen Kirche in ihrem Kampf gegen den Kult der Hostie und andere katholische Sitten, die bei der Gemeinde althergebrachterweise angeschaut werden sollten. Die Abgrenzung des Chores mit einer Schranke machte den Chor, beinahe wie 12. und 13. Jahrhunderten, zu einem separaten Raum. Im Laufe der Zeit verschwand allmählich sowohl die Pracht des spätmittelalterlichen Kirchenraums als auch das farbreiche, liturgische Parament, was natürlich auch den Wunsch, gute Sicht in den Chor zu haben, hinfällig werden ließ.
Interessant in diesem Zusammenhang ist also, wie oben erwähnt, dass um 1650, als die Einrichtung des Chores immer prachtvoller wurde, von vielen Gemeinden im ganzen Lande wiederholt die Forderung erhoben wurde, die Schranken zu entfernen, damit man den Priester am Altar besser sehen könne.
Nach einer langen Zeit eines eher asketisch geprägten Gottesdienstes, glitzerte noch einmal der Chor in Gold und Farben, und der Priester trug wieder, wie im Mittelalter, bei der Messe ein schönes Gewand. Um 1700 waren die meisten der hohen Schranken bereits weggenommen, und selbst die Kirchweihe, von den Reformatoren des 16. Jahrhunderts abgeschafft, wurde 1686 wieder eingeführt. Damit wurde der ”Schulsaal” der frühen schwedischen Reformatoren noch einmal zum geheiligten Raum.

 

 

 

 


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