Evangelischer Kirchenbauverein

GEGRÜNDET 1890  ZU BERLIN
ERNEUERT DURCH DEN FREUNDESKREIS
ZUM SCHUTZ KIRCHLICHEN KUNSTGUTES
BERLIN-FRIEDENAU
1975

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Der  Magdeburger Dom

Dr.theol.THOMAS BUSKE
Gossler Str.25
12161 B e r l i n
Tel. 8512826
26.X.1997

An den
Domkirchengemeinderat in Magdeburg
Am Dom        
39104  M a g d e b u r g

 

am vergangenen Donnerstag war ich wieder in Magdeburg; und so oft ich  -  auch schon vor der Wende  -  in Magdeburg den Dom betreten haben, schien mir etwas „nicht zu stimmen“ - irgendetwas störte im Raum.

Und nun entdeckte ich am Donnerstag endlich das Gemälde vom Inneraum des Domes, wie es 1827 Carl Georg Hasenpflug geschaffen hatte.Jetzt hatte ich es gefunden, was den Raum heute so unausgeglichen wirken läßt:

                        Der Katharinenaltar muß an seinen ursprünglichen Standort                  zurückversetzte werden.

Das überlange Kirchenschiff war in einer gleichsam doppelchörigen Anlage aufgefangen worden.

Und die zweite Entdeckung danach am Ort selbst:

                         Die Kanzel hat ihre Richtung nach Süd-Osten

(Die gegenwärtige Aufstellung der Stühle steht in völligem Widerspruch dazu); Kanzel und Lettner- bzw. Kreuz-, Laien- oder Volks -Altar umschreiben aber den Kernbereich des eigentlichen sonntäglichen Gemeindegottesdienstbereiches.

Auf dem ersten beigefügten Blatt ist (Pfeil) die Akustik und ihre hauptsächlichen Brech- und Reflexionswinkel eingezeichnet; dieser Bereich ließe sich  sogar ohne elektro-akustische Hilfsmittel durch den Prediger erfassen.

Dabei gilt folgende Grundregel: Der Sichtwinkel des Predigers, auch den entferntest-       stehenden noch mit seinem Gesicht zuerschauen, garantiert auch die akustische               Verständlichkeit des Hörers und begründete und bedingte auch so alleine die Kanzelhöhe.

Auf dem zweiten Blatt ist deshalb das Gestühl (Stühle nicht maßstabgerecht) so angeordnet, wie es sich mithin aus der akustischen Wirklichkeit des gepredigten Wortes von selber ergeben würde.

Auch der liturgische Weg  aus dem Gemeindebereich zur Taufe und zurück, ebenso wie   die dann entstandene Hauptbewegung beim Hineingehen entsprechen den gotischen Bogen-Segmenten und lassen überhaupt erst die Tiefe des Raumes in mehr  als nur einer Dimension erleben.

Ob im Frei-Raum, dem Kernbereich des gemeindegottesdienstlichen Teiles ein Tisch-  Altar stehen wird oder unmittelbar der eigentliche mittelalterliche Gemeinde-Altar am Lettner wieder benutzt würde, muß von Fall zu Fall entschieden werden, nämlich: ob             man schließlich den  Hoch - Altar im Chor für Abendmahlsfeiern mit einbezieht oder nicht.

Grundsätzlich hat sich bei uns jedenfalls gezeigt, daß am Ende eines Gottesdienstes  Menschen in diese von Gestühl offene Mitte gehen, sich grüßen und sich buchstäblich begegnen,  wie es bei keiner anderen Begrüßung oder Verabschiedung am Ausgang oder  Eingang oder Büchertisch möglich ist.

 In einem unserer Hefte des EVANGELISCHEN KIRCHENBAUVEREINS (gegr.189O) haben   wir die Einzelheiten: Gestühl, Kanzel, Altar... dargestellt; ich habe leider kein originales  Heft mehr und muß Sie bitten, mit der Kopie vorlieb zu nehmen.  ....    

 

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Von Gemeinden erbetene Vorschläge zur Raumdisposition:

 

St.Stephani in Osterwieck

Die offenen Flächen können beliebig mit Stühlen aufgefüllt werden; links neben dem Eingang unter der Empore der Büchertisch; unter der Nordempore: Austellungsmöglichkeiten.

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 Stiftskirche zu Bad Gandersheim

 Zur gottesdienstlichen Gliederung und (Neu-) Ordnung des Kirchenraumes

1)   Ein Kirchenraum unterscheidet sich genauso grundlegend von jedem Versammlungslokal wie der gottesdienstliche Vorgang nach Inhalt und Form von allen anderen Veranstaltungsgepflogenheiten.

2)   Die Gandersheimer Stiftskirche ist überdies  -  wie viele Kirchen von Ordensgemeinschaften und Städten im Mittelalter  -  besonders als Haus Gottes, nämlich als Tempel der Weisheit  ausgewiesen: Christus ist uns gemacht von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung II.Kor 1 3o).  -  Architektonisch wurde auf die biblische Vorlage (Prov 9 1) Bezug genommen: Die Weisheit baut ihr Haus und hieb sieben Säulen... Die Verdoppelung von Sieben auf Vierzehn diente stets als Bestätigung (cf.in meinem Büchlein „Heiliger Geist und Weisheit Gottes... Neustadt/Aisch 1991). Ecclesia als Domus Sapientiae.  

  3)   Das Bauwerk und die Verkündigung sind nicht voneinander zu trennen; auch ohne Gottesdienst in actu ist selbst für den einsamsten Beter in einer Kirche der Raum nie leer, sondern Ermahnung an Gottes Gegenwart, wo immer ein Mensch handeln, entscheiden, warten, aber auch dulden und Gottlosigkeit oder Anfechtung erleiden müßte, auch wenn es oft nur nachträglich offenbar würde: Gewiß ist der Herr an diesem Ort, und ich wußte es nicht (Gn 28 16).

 4)   Die  M i t t e  eines Kirchenraumes hatte deshalb stets offen für diese existentielle Erfahrung zu sein. Der Raum durfte sich nicht durch eine Aesthetisierung der Proportionen von Wänden und Einrichtungsgegenständen erschöpfen oder sich darin selber genügen. -  Alle heidnischen Kultbauten haben dieses versucht. Der Kirchenbesucher muß hingegen den Raum durchschreiten können, um immer wieder eine neue „In-differenz“ zwischen sich und dem Geschauten, aber auch Gehörten (in Wort und Musik) zu entdecken. Nie war hier etwas  fertig; oder es wäre immobil und tot. Gottes Verheißung verwies aber auf ein Leben, das über jede Beengung hinausführen wollte und die stets neue Tat des Glaubens (eben in der Gemeinschaft mit IHM) forderte.

 5)   So gibt es auch in einem Kirchenraum kein Gegenüber von Publikum und Akteuren, wie seit mehr als hundert Jahren verständnislos das Kirchengestühl aufgestellt wurde. Jede gleichgerichtete Uniformierung stand im Widersspruch zum gottesdientlichen Auftrag und verhinderte auch die letzte verbindliche seelsorgerliche Verweisung an den Einzelnen in Wort und Sakrament.

 6)   Und so wie das Hauptportal im Westwerk allein dem wiederkommenden Herrn und Richter gehörte und darum allenfalls eine liturgische Benutzung zuließ, war auch die via sacra zum Altar ausschließlich Gottes Weg, dem man sich anschließen durfte, aber nicht selber   -  und vielleicht auch nur noch als funktionale Verkehrsachse erkennbar  -  zu  durch - m e s s e n  hätte. Alle Kirchenräume des Mittelalters wurden daher immer nur seitlich betreten; man  n ä h e r t e  sich dem bergenden Raum Gottes (aber drängelte sich nicht hinein). So war (und ist) auch der Hauptzugang in Gandersheim auf der Südseite der Kirche.  

7)   Da das Gandersheimer Münster als Stiftskirche keine Taufbefugnis besaß (es war das Privileg der Pfarr- und Gemeindekirchen), fehlte auch ein ausgewiesener Taufort. Gleichwohl könnte er sich, nachdem die Stiftskirche längst eine Gemeindepfarrkirche geworden ist, nur dort finden lassen, wo jedermann beim Betreten an den Anfang seines Lebens unmittelbar erinnert würde  -  in der Nähe am Eingang. Die Taufe hatte mithin ihren unübersehbaren Platz auch inmitten der Kirche wie Kanzel und Altar.

 8)   Die einzige bauliche Veränderung, die vorgeschlagen wird, ist deshalb die Umsetzung der Kanzel  -  frei und zurückverschoben zwischen zwei Säulen an der Nordseite  -  dieser Standort verbürgte zudem eine Akustik, die nicht auf elektronische Übertragungsmittel angewiesen wäre. Die ermüden und sättigen den Zuhörer schon nach wenigen Minuten bis zum Überdruß; er verliert einfach die Bereitschaft zur Aufmerksamkeit (durch die gleichmäßige Beschallung); er muß  nun nur noch zuhören und schottete sich innerlich doch ab.  -  Auch die Feinheiten der menschlichen Stimme müssen klingen; und darum wird auch am Altar die Liturgie gesungen, um den Raum (auch verständlich) zu erfüllen.  -  Im Ürigen steht heute die Kanzel dort, wo eigentlich der Fürstensitz oder Kaiserstuhl, wie in Goslar, zu erwarten gewesen wäre.

 9)  Das vorhandene Gestühl wird  -  wie im beiliegenden Plan erkenntlich  - fast vollständig wiederbenutzt; es dient gleichsam als Modul der Raumgliederung.

 1o) Von weiteren Standortverschiebungen wird dagegen dringend abgeraten, wie etwa des Lettner-Altares nach den inzwischen zur Mode gewordenen Vorstellungen, daß der Geistliche hinter dem Altar zur Gemeinde amtieren sollte. Nie aber hat ein Priester auch in der alten Kirche hinter dem Altar getanden; eine scheinbar unausrottbare historistische Verzeichnung der Neuzeit. Lediglich die Subdiakone haben hinter dem Altar gestanden, bis die Retabel-Altäre aufkamen. Und was von den oft zitierten Äußerungen Luthers in dieser Frage zu halten ist, dazu besonders Peter Bloch (Kunsthistoriker!); die näheren Quellen wie unter 2).   

11)  Eine spätere Ergänzung des Kirchenraumes in Gandersheim dürfte vielleicht der Bau einer neuen großen Münsterorgel an der Nordseite der Vierung sein, die jetzt bereits vorhandenen Glasfenster könnten dabei durchaus ihre Geltung behalten (siehe dazu auch den beiliegenden Plan).

 7.III. 1995


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