Evangelischer Kirchenbauverein

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1975

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Reinhard Kuhl - freiberufl. Restaurator (VDR):

Die Glasmalereien im Hallenumgangschor 

der St. Petrikirche zu Altentreptow  

 

In den Fenstern des Hallenumgangschors der St. Petrikirche zu Altentreptow befindet sich der umfangreichste Glasmalereizyklus des 19. Jahrhunderts in Vorpommern. Dieser Bestand ist – bedingt durch den Mangel an restauratorischen Möglichkeiten in der Zeit des Sozialismus und das Fehlen jeglichen Außenschutzes – stark in Mitleidenschaft gezogen und befindet sich gegenwärtig im Zustand eines akuten Verfalls. Dem Glasmalereizyklus von St. Petri zu Altentreptow ist im Kontext der Stüler’schen Innenraumkonzeption eine herausragende Bedeutung von nationaler Wertigkeit beizumessen. Sowohl im Hinblick auf dessen Erhaltung, als auch hinsichtlich des Schutzes der qualitätvollen Innenausstattung durch intakte Fensterverschlüsse besteht ein dringender Handlungsbedarf.

 

St. Petrikirche zu Altentreptow, Inneres nach Osten mit vollständig erhaltenem Chorscheitelfenster, Zustand vor 1975 

Als ein erster Schritt zur Erhaltung des Zyklus wurde – unter dem Gesichtspunkt der Dringlichkeit – vom Unterzeichnenden ein Maßnahmenvorschlag zur Sicherung der fünf Polygonfenster erarbeitet. Dieser sieht den Ausbau und die Sicherstellung der originalen Verglasungsreste des Fensters im Chorscheitel (I) vor. Die betreffende Fensteröffnung wird vorübergehend lediglich durch die künftige Außenschutzverglasung geschlossen werden. Die Restaurierung und Montage der Originale ist für einen späteren Zeitpunkt beabsichtigt.

Die vier Fenster an den Chorseiten (nII und nIII sowie sII und sIII) sollen im Zuge dieser Maßnahme in situ konserviert und in ihren schadhaften Teilen ergänzt sowie durch einen Außenschutz aus feinmaschigen Edelstahlnetzen gesichert werden.  Die Gesamtkosten für eine erste Sicherung der fünf Polygonfenster belaufen sich auf ca. 128 000,00 €, zu deren Aufbringung die Kirchengemeinde dringend auf Hilfe angewiesen ist.

 

Baugeschichte:

Die ev. Stadtpfarrkirche St. Petri zu Altentreptow ist eine stattliche Backstein-Hallenkirche mit polygonal geschlossenem Umgangschor und mächtigem quadratischem Westturm. Aus dem 14. Jh. das vierjochige Hallenschiff mit getreppten Strebepfeilern und schmalen spitzbogigen Fenstern. Im 15. Jh. Erweiterung der ursprünglich gerade geschlossenen Halle durch einen zweijochigen Hallenumgangschor mit 5/8 Polygon und drei zweigeschossigen, zum Chorseitenschiff geöffneten Kapellenanbauten an der Südseite.

Durchgreifende Instandsetzung 1865 nach Entwurf des preußischen Ministerialbaurates Friedrich August Stüler (1800-1865), dabei u. a. Erneuerung der Kapellenanbauten auf der Südseite, der Fenstermaßwerke und von Teilen der Ausstattung. Aus dieser Zeit datiert auch der umfangreiche, heute noch über zehn Fenster umfassende Glasmalereizyklus des Hallen-umgangschors.

 

Zur Glasmalerei:

Fenster im Chorscheitel (I): 1861 bat die evangelische Kirchengemeinde St. Petri zu Treptow a. d. Tollense König Wilhelm I. um die Stiftung eines gemalten Chorfensters. Dieser beauftragte Friedrich August Stüler mit einem Entwurf, von dessen Hand allerdings nur die Vorgaben zur Rahmenarchitektur anzunehmen sind.

Die Kartons zu den figürlichen Darstellungen stammen von dem Historienmaler und Karton- zeichner Alexander Teschner (1816-1878). Die Ausführung des Fensters wurde im 1843 von Friedrich Wilhelm IV. begründeten Königlichen Institut für Glasmalerei Berlin-Charlottenburg vorgenommen.

Die Fenster an den Chorseiten nII, nIII, sII und sIII, für die wohl ebenfalls von einer Mitwirkung Stülers auszugehen ist, wurden von dem damals gleichfalls in Berlin ansässigen Glasmaler Louis Müller geschaffen. Die Fenster sind hinsichtlich ihrer Gliederung aus jeweils drei spitzbogig schließenden Bahnen mit geöffneten Zwickeln aufgeführt; beim Chorfenster I ist die mittlere Bahn in doppelter Breite angelegt und mit einem zusätzlichen Rundfenster innerhalb der über den schmaleren Seitenbahnen liegenden Zwickel versehen.

St. Petrikirche zu Altentreptow, Chorscheitelfenster, Zustand 2001
 

Das Chorscheitelfenster stellt in seiner fünften und sechsten Fensterzeile die Bestimmung des Apostels Petrus zum irdischen Nachfolger Christi durch die Übergabe des mosaischen Gesetzes (’traditio legis’) szenisch dar. Die im Neuen Testament, im Unterschied zur Schlüsselübergabe, nicht erwähnte Szene begründet später die Legitimität des Petrus als dem ersten Bischof von Rom. Die Darstellung, die in Anlehnung an urchristliche Überlieferungen auf die Abbildung der Gesetzesrolle verzichtet, zeigt einen nimbierten Christus vor den Petrus ehrerbietig hintritt. Die zentral im Fenster und in der Hauptachse des Kirchenschiffes angeordnete Bildszene wird durch den Apostel Paulus und den Evangelisten Matthäus als Assistenzfiguren flankiert, die jeweils inschriftlich mit einer Banderole innerhalb des Sockels bezeichnet sind: SANCTUS MATHAEUS / SANCTUS PAULUS.  Vom originalen Bestand ist weiterhin im Feld 9b ein kreuznimbierter Christuskopf in einer Vierpassform und die beiden Architekturfelder 8a und 8c erhalten, die restliche Fensterfläche wurde um 1975 mit einer geometrischen Farbverglasung geschlossen.

Eine ähnlich aufgebaute Bildszene aus dem Königlichen Institut für Glasmalerei, die mit der Berufung des Apostels Bartholomäus ebenfalls ein Ereignis aus dem Leben des Namens- patrons einer Kirche zum Gegenstand der Darstellung macht, befindet sich im Chorscheitel- fenster der St. Bartholomäuskirche zu Demmin.

Die vier Fenster an den Chorseiten (nII und nIII sowie sII und sIII) gliedern sich in zwei Fensterzonen über einer Architekturzeile. Die unteren Fensterzonen enthalten bahnenweise reich geschmückte Maßwerkbaldachine über variierten Grisaille-Teppichmustern, die oberen Fensterzonen sind, jeweils unter Wimpergarchitekturen, den Standbildern der elf Jünger und des Apostel Paulus vorbehalten.

Die Dargestellten sind jeweils gänzlich en grisaille abgebildet und mit beigegebenen Sockelinschriften namentlich bezeichnet; hinsichtlich ihrer figürlichen Komposition folgen sie den von Peter Vischer (1455–1529) geschaffenen Apostelstatuen für das Grabmal des Hl. Sebaldus in der Sebalduskirche zu Nürnberg.

Fenster nII, 7a-c: St. Thomas / St. Bartholomaeus / St. Thaddeus,

Fenster nIII, 7a-c: St. Andreas / St. Jacobus mai. / St. Phillipus,  


Fenster sII, 7a-c: St. Johannes / St. Jacobus min. / St. Mathaeus,
 

 

Fenster sIII, 7a-c: St. Simon / St. Paulus / St. Matthias.

Im Fenster nII, Feld 1b, ist zusätzlich das Wappen der Stadt Treptow an der Tollense (Altentreptow) angebracht, im Fenster sII, ebenfalls das Feld 1b einnehmend, eine sehr schöne Variante des pommerschen Wappens unter dem Herzogshut des Herzogtums Stettin.

Die nur ab der fünften Fensterzeile erhaltenen Fenster des nördlichen Hallenumgangschors (nIV bis nVI) bilden die Fortsetzung des mit den Chorfenstern angezeigten Bildprogramms. Sie bieten mit den großen Propheten, weiteren Einzelgestalten des Alten Testaments und Johannes d. T. königliche und heilsgeschichtliche Vorläufer Christi dar. Ihre bildliche Umsetztung ist ebenfalls gänzlich en grisaille vorgenommen.

Fenster nVI, 5a-c: In der Mitte Moses mit einer der Gesetzestafeln, rechts König David, links König Salomo.

Fenster nV, 5a-c: Die Propheten Ezechiel, Jeremia und Jesaja. Fenster nIV, 5a-c: Micha, Daniel und Johannes der Täufer. Das Hintergrundmuster wird von Fenster zu geringfügig variiert. In den Zwickeln farbige Blütenmotive umgeben von Blatt- oder Rankenwerk, davon eine besonders schöne Variante im Fenster nVI.

Drei weitere, ebenfalls dreibahnige Glasmalereifenster (sIV-sVI) befinden sich im Obergeschoss der von Stüler geschaffenen Kapellenanbauten auf der Südseite, der sog. Kaufmannsempore. Sie dienen in der Hauptsache einer gleichmäßig gedämpften Lichtführung in Chorraum.

Das Fenster sIV zeigt ein Teppichmuster bahnenweise übereinander angeordneter Vierpassformen um innere Vierblätter als Grisaillemalerei auf relativ großen, mattierten Gläsern. Die drei Fensterbahnen sind von umlaufenden Blatt-Blüten-Bordüren umschlossen, in den Zwickeln befinden sich sternförmig angeordnete Schneußformen.

Im Fenster sV wird das Grisailleornament durch bahnenweise axial angeordnetes Weinlaub und Reben gebildet. Die Bordüre enthält rautenförmige gelbe Blätter auf rotem Grund.

In das Feld 2b ist ein älteres, wahrscheinlich barockes Wappen des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg eingearbeitet. Es trägt den pommerschen Greifenschild auf seiner Herzstelle, darunter eine mehrzeilige Inschriftenbanderole: V:G:G: SOPHIE [HED]WICH GEBORN FRÄULEIN ZU BRUNSWICH U: LÜNEBURG HERZOGIN ZU STETTIN POMERN. Die Zwickel füllen Dreipassrosetten.

Im Fenster sVI wird das Grisailleormanent zu einem Rautenmuster mit eingeschriebenen Vierblättern variiert. In den Zwickeln Maßwerkformen.

Der überwiegende Teil des Glasmalereibestandes von St. Petri zu Altentreptow, dem im Kontext der Stüler’schen Innenraumkonzeption eine herausragende Bedeutung von nationaler Wertigkeit beikommt, ist durch ein zusehends verfallendes Bleinetz, bereits eingetretene großflächige Verluste der Glasmalerei und das Fehlen jeglichen Außenschutzes in seiner Substanz akut gefährdet. Zur Sicherung dieses wichtigen Glasmalereizyklus’ besteht ein dringender Handlungsbedarf.

 

Geplante Maßnahmen:

Für das Chorscheitelfenster (I) ist neben der Wiederherstellung bzw. Restaurierung der originalen Glasmalerei deren Sicherung durch eine isothermale Schutzverglasung aus Verbundsicherheitsglas entsprechend den Modellentwicklungen der Arbeitsstelle für Glasmalereiforschung des CVMA in Potsdam beabsichtigt.

Die noch in situ erhaltenen Teile der Glasmalerei mit der Berufung Petri, den Assistenz- figuren und Teilen der Maßwerkverglasung werden restauratorisch und konservatorisch bearbeitet und für die Montage hinter der künftigen Außenschutzverglasung vorbereitet.

Die um 1975 durch eine einfache geometrische Farbverglasung geschlossenen Partien können zum überwiegenden Teil durch die Rekonstruktion aus originalen, z.Zt. deponierten und bereits durch eine Vordokumentation erfassten Verglasungsresten wiederhergestellt werden. Dies betrifft zunächst den gesamten Bereich der Sockelzone unterhalb der szenischen Darstellung mit einem ornamentalen Teppichmuster.

Die vollständig fehlenden Teile des Fensters (Architekturbaldachine und Maßwerkbe- krönungen) lassen sich anhand einer historischen Photographie, die bei der Kirchengemeinde aufbewahrt wird, neu entwerfen und in Glasmalerei umsetzen.

Chorseitenfenster nII und nIII bzw. sII und sIII:

Die vier Fenster der Chorseiten mit ganzfigurigen Aposteldarstellungen sollen zunächst durch möglichst substanzschonende, zum überwiegenden Teil in situ vorzunehmende restauratorische und konservatorische Maßnahmen in ihrem Bestand gesichert und wiederhergestellt werden. Lediglich die stark beschädigten Glasmalereifelder werden einer werkstattmäßigen Bearbeitung unterzogen. Die funktionstüchtige Elemente der Befestigungstechnik (Deckschienen und Splinte) werden mittels einer geeigneten Farbbeschichtung konserviert, stark korrodierte Teile werden in farblich dem Bestand angeglichenen V4A-Edelstahlmaterial ersetzt. Gleiches gilt für die Armierung der Bleifelder mit der erforderlichen Anzahl an Windeisen.

Als Außenschutz dieser vier Fenster ist eine Anbringung von Schutzgittern beabsichtigt, die jeweils in die Fensterbahnen eingepasst und in allen Komponenten aus V4A-Edelstahlmaterial gefertigt werden. Die erforderliche Befestigungstechnik wird dabei so gestaltet werden, dass sie reversibel, d.h. leicht rückbaubar ist und möglichst nicht das Ziegelmaterial des Stabwerks angreift.

Alle Maßnahmen an den Fenstern nII, nIII, sII und sIII sollten die Option berücksichtigen, diese Fenster gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt – so wie das Chorscheitelfenster – mit Außenschutzverglasungen zu versehen.

  

Reinhard Kuhl
freiberufl. Restaurator (VDR)
Zur Schwedenschanze 19b
17498 Potthagen


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