Evangelischer Kirchenbauverein

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1975

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Thomas Buske

Zum Wiederaufbau der Garnisonskirche in Potsdam
  

 

 

Turmbekrönung auf der Potsdamer  Garnisonskirche mit Handwerkern um 1927

Foto: Robert Handrick (Reproduktion), jetzt in:

Andreas Kitschke, Die Potsdamer Garnisonskirche,Potsdam 1991  75.

   


Richtigstellung

 Was war auf der Turmspitze der Garnisonskirche zu Potsdam?

 

„Ihr habt gesehen... wie Ich, Gott, euch getragen habe auf Adlersflügeln und zu Mir gebracht, spricht der Herr“ (Ex19 4), nämlich an den Berg Sinai, dorthin, wo die  G e s c h i c h t e  der  Z e h n   G e b o t e  begann; stellvertretend für alle Menschen sollte Gottes Volk bezeugen: Ich bin der Herr, dein Gott...

N i c h t  der „preußische Adler“ war auf der Kirchturmspitze zu sehen (also etwa der alte Reichsadler der Stauferzeit), sondern von jenem Anfang der „Gerechtigkeit, die alleine vor Gott gilt“ (Rm3 17), nämlich im Aufblick zu Gott, dem „Licht der Welt“ - Christus (Jh 9 5), der „Sonne der Gerechtigkeit“ (EG 263); denn alle müssen wir vor den Richtstuhl Gottes offenbar werden / Rm 14 1o,); oder: „...daß durch uns entstünde die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klarheit Gottes im Angesicht Jesu Christi“ (II.Kor 4 6).

Nicht die Hybris eines Ikarus, der der Sonne zu nahe kam und herabstürzte, aber auch nicht Luzifer, der heller leuchten wollte als Christus, und der auf die Erde herabgeworfen wurde und weiß, daß er nur noch wenig Zeit haben wird, um Unheil zu stiften (Lk 1o 18; Apok 12 12). Alle Regierenden hatten hier stets zu schützen und nur dazu auch ihre Macht. Alle  - und in welchem „Beruf oder Stand“ auch immer - waren darum unterschiedslos in die Verantwortung vor Gott gestellt. Vor Gott gilt und galt nie das „Ansehen der Person“ (Acta 19 34); aber auch keine Anonymität.

Darum fand sich auch neben dem Adler das Monogramm des Bauherrn: FWR (Friedrich Wilhelm, König).

 

Denn keinem Menschen sollte Gottes Heilsweg verborgen bleiben - vom Sinai  bis zu dem gekreuzigten Christus. Die  Z e h n   G eb o t e  galten eben unterschiedslos allen.Niemand durfte um diese„Versöhnung mit Gott“betrogen werden (II.Kor 5 2o).

Auf der Turmspitze der Garnisonskirche war diese ganze Gechichte aber zu sehen; in alle Himmelsrichtungen zeigte sie. Der jeweilige Zeitgeist mochte sie als „Wetterfahne“ dann drehen, soviel er nur wollte.

Mehr als es nur ein leeres Kreuz versinnbildlichen konnte, wurde hier der ganze Heilsweg und für jedermann sichtbar gezeigt.

Wer wollte es also schon wagen, das Evangelium hier etwa zu verkürzen und sich über vorangegangene Generation zu erheben, die es es ganz augenscheinlich umfassender auszudrücken vermocht als wir.

Es mußte wieder entdeckt werden. Man lese nur Jochen Kleppers Roman „Der Vater“, wo er es unter den Kapitel beschrieb („Die Hütte Gottes bei den Menschen“ und „Die aufgehende Sonne“): der König auf dem Rückweg vom Potsdamer Waisenhaus zum Schloß, und da vertraute er es dem schon greisen August Hermann Francke an: „Ich will nun eine Kirche bauen“.

„Alles wurde dem König zum Gleichnis und zur Verkündigung“; und auch das „Nec soli cedit“ sollte zum Ausdruck eines biblischen Gottesglaubens werden... Beide standen, wo sich in wenigen Jahren dann die Garnisonskirche erheben sollte.

Ihr Turm wurde in Anlehnung an den noch vor seiner Vollendung zusammengestürzten Turm der St.Petrikirche in Berlin gestaltet. Auf St.Petri war für die Turmspitze ein heranschwebender Engel mit der Krone der Gerechtigkeit und des ewigen Lebens vorgesehen; denn wie sollte und durfte das Kreuz eben nicht erhöht werden; hundert Jahre später zeigte dann ebenso der Turm der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin über dem Kreuz den Stern von Bethlehem. Das Christuskind wurde der Gekreuzigte; Kreuze und noch soviele genügten eben nicht.

Der Petrikirchturm wurde zwar nie vollendet, aber nun erst recht und wohl auch mit den Steinen der inzwischen niedergelegten St.Marienkirche auf dem Harlungerberg bei Brandenburg die Garnisonskirche in Potsdam.

Erst kürzlich wurde das Bildmotiv vom Turm der Garnisonskirche: der auffliegende Adler - Christus, der Sonne der Gerechtigkeit entgegen (Nec soli cedit) in Halle auf dem Giebel des dortigen Waisenhauses wieder hergestellt: Und wer dennoch das Bild nicht verstand, der konnte es lesen: „Die auf den Herren harren, kriege neue Kraft, daß sie auffahren mit Flügeln wie Adler (Js 40 31).

Und diese christliche Hoffnung sollte in Potsdam den Bürgern  auf dem Turm der Garnisonskirche verwehrt werden?

Erst die Weimarer Republik löste für den Freistaat Preußen den Adler aus dem Schild und benutzte den zu Gott himmelwärts aufsteigenden Adler auch als Hoheitszeichen  -  ahnungslos oder nicht, jedenfalls zugleich als Unterpfand der Verheißung Gottes: Ich lebe und ihr sollt auch leben (Jh 14 19); der Verpflichtung zum Schutz einer ungehinderten christlichen Verkündigung.

 

 Der Adler auf der Garnisonskirche hielt in seinen Klauen die gefährlichen Blitze der Vernichtung noch fest; der Glaube, mit dem das Gericht Gottes noch aufzuhalten war (wie es bei Dietrich Bonhoeffer in dessen Ethik unter der Überschrift „Erbe und Verfall“ gut nachzulesen ist /cf.II.Thess 2 6), und also noch Zeit bliebe, daß „Gottes Güte dich zur Umkehr leitete“ (Rm2 4).

Im Übrigen hat sich der "Tag von Potsdam“ auch anders abgespielt, als immer wieder berichtet wurde: dazu etwa auch Friedrich Bestehorm in: MVGP (Mitteilungen desVereins für die Geschichte Potsdams) 1937 4  352...:

„Am folgenden Tag kam es bei einer ersten Ortsbesichtigung zu einer peinlichen Auseinandersetzung... mit den Vertretern des Oberkirchenrates, angeführt vom damaligen Generalsuperintendenten der Kurmark, Dr.Dibelius, die aus religiösen Gründen glaubten Widerstand leisten zu müssen und sich auf den Standpunkt stellten, daß die Kirchen über allen politischen Ordnungen stehe... Niemals würde die oberste Kirchenbehörde es zulassen... die Kirche zu einer solchen Versammlung zu benutzen“. „ Der Oberkirchenrat erreichte.. (so wenigstens), daß außer dem Staatsakt nicht auch noch die Sitzung in der Kirche stattfand“.

Die Garnisonskirche war mithin der Ort, an dem der erste offene Widerstand gegen die sich etablierende NS-Herrschaft aufgebrochen war.

Zum ersten Mal wagte in Deutschland ein Regime eine Kirche zu mißbrauchen, aber die Kirche verwahrte sich!

Nicht, daß nicht Parlamentseröffnungen mit einem Gottesdienst in einer Kirche wie eh und je auch in Preußen begannen  -  sondern nun eben ohne Gottesdienst und dennoch in einer Kirche. Und noch Schlimmeres war leider  zu befürchten. Der Kampf gegen die Kirche als Ausdruck für Rechtsbruch und Diktatur. Und dagegen stand -  und schon im ersten Anlauf damals  -  die Garnisonskirche in Potsdam.

   


Anmerkungen:

Das Motiv auf der Turmspitze der Potsdamer  Garnisonskirche:

 „Der auffliegende Adler der Sonne entgegen"


ist schon in der frühesten Literatur zur Emblematik nachzuweisen.So bei Boria, Juan de (geb. 1553), EMPRESAS MORALES...  Umv.bibl.Prag L II B 39,Tres.R e 178 (7 Nr.6) oder bei Reusmer, Nicolas (geb. 1545) EMBLEMATA...Univ. bibl.Heidelberg: G 95o6 (II Nr.38)

 Das Motiv wurde im  Inneren der Kirche an der Kanzelbrüstung wiederholt mit der lateinischen Umschrift NEC SOLI CEDIT - offenbar die Zusammenfassung des von Reusmer beigegebenen lateinischen Epigrammes:

Die Sonne der Gerechtigkeit und des ewigen Lebens ist Christus.
Wer auf ihn mit einfältigem Herzen schaut, der wird gerettet werden.

Abbildungen und Texte: EMBLEMATA, Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI und XVII
Jahrhunderts, ed.Arthur Henkel u.Albrecht Schone ; Stuttgart/Weimar 1967/1996 775ff.'

Das Alte abgeleget

DEr Trieb der Natur hat allen Thieren die Begierde seiner
Erhaltung eingepflantzet / und wir sehen keines / wie gering
es auch ist / welches nicht sich zu erhalten und zuvermehren
trachte Der Mensch ist hiermnen am aller nachläßigsten / weil
er mehr seinen Begierden folget / als der rechten Vernunfft
gehorsamet. Welcher zwar / so er den andern Weg erwehlen /
und seiner Erhaltung wahrnehmen wolte / kein besser Mittel
seiner Daurhafftigkeit finden könte / als so er sich selbst / mit
ablegung des alten / zu erneuen / bemühet wäre / wie von dem
Adler gesagt wird / daß er so hoch und nahe an die Sonn
fliege / daß sie ihn mit ihren Strahlen verbrenne und die
Federn versengte / mit welchen er hernach sich ins Wasser

tauchte und also neue Federn und Kräffte bekäme. Solches
wird uns auch wiederfahren so wir uns bemühen werden
unsrer Sonnen der Gerechtigkeit zu nähern / damit sie uns
anzünde und erneure. Welches mit diesem Sinnbilde des Ad-
lers / der nach der Sonnen fleucht / und der Überschrift! Das
Alte abgelegt / angedeutet wird

 

Bor S 7      Adler fliegt in die Sonne, um sich zu verjüngen (Nr 6)

 


 

    Autuum regina potens, et fulminis expers:
summi fida ministra Iouis.

Quae si longaeua nimium sit tarda senecta:

Flumine se liquido terque quaterquc lauat
Subuolat hinc, Solisque capit de lumine lumen :

Et renouat pennas membraque fessa sibi.
Qui pius est, sacro lustratus fonte salutis
Fulmineo nunquam laeditur igne Iouis.
Namque fide certa numen coelcste tuetur
Sollicitatque suo lumine lumen heri.
Sol est iustitiae Christus, vitaeque perennis :
Quem qui corde videt simplice, saluus ent

 

Erneuerte Jugend

Der Adler, der mächtige Herrscher der Vogel, der sicher bleibt vor
dem Blitzstrahl, ist allein des höchsten Jupiter getreuer Diener.
Wenn er von allzu hohem Alter ermattet ist, badet er drei und
viermal im klaren Wasser, fliegt auf von dort und gewinnt neues
Leben aus dem Licht der Sonne und erneuert sein Gefieder und
seine erschöpften Glieder Wer fromm ist und gereinigt durch die
heilige Quelle des Heils, wird niemals verletzt durch den Blitzstrahl
Jupiters. Denn er schaut in sicherem Vertrauen auf Gott und ent-
zündet sein [Lebens-] Licht am Licht des Herrn. Die Sonne der
Gerechtigkeit und des ewigen Lebens ist Christus. Wer auf ihn mit
einfaltigem Herzen sieht, wird gerettet werden.


Anhang:

Physiologus

FRÜHCHRISTLICHE SYMBOLIK

Aus dem Griechischen übersetzt

und herausgegeben von

Ursula Treu

Union Verlag Berlin

Vom Adler

David sagt. «Du wirst wieder jung wie ein Ad-
ler » Der Physiologus sagt vom Adler, daß, wenn
er alt wird, seine Flügel schwer werden und die
Augen trübe   Was macht er nun?  Er sucht eine
Quelle  reinen Wassers   und  wirft sich  in  den
Glanz des Himmels und verbrennt seine Flügel
und die Schwache seiner Augen   Und er steigt
zur Quelle hinab und taucht dreimal unter, er
neuert sich und wird wieder jung

So auch du, Neuling in der Gemeinde, wenn
du das Gewand des alten Menschen hast und
die Augen deines Herzens trübe sind, suche die
geistliche Quelle, unseren Herren Jesus Chri-
stus, der sagt Mich haben sie verlassen, die
Quelle des lebendigen Wassers, und erhebe dich
in die Hohe der Sonne der Gerechtigkeit Jesu
Christi und lege ab den alten Menschen mit sei-
nen Taten und tauche dreimal m der ewig strö-
menden Quelle unter, im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lege
ab den alten Menschen, das ist das alte Gewand
des Teufels, und ziehe den neuen Menschen an,
der nach Gottes Willen geschaffen ist, daß auch
an dir die Verkündigung Davids erfüllt wird,
die sagt «Du wirst wieder jung werden wie ein
Adler»

Es ist der Adler der Konig der Vogel Dieser
lebt hundert Jahre und wird alt, sein Schnabel
wird zu groß und seine Augen trübe, so daß
er nichts mehr sieht und nicht jagen kann. Er
steigt endlich ganz hoch hinauf und stürzt
sich vom Felsen herab und zerbricht seinen Schna-
bei und badet sich im Jungbrunnen, dann setzt
er sich auf eine Felsspitze nach der Sonne zu,
und wenn die Sonnenwarme starker auf ihn ein-
strahlt, fallen ihm die Schalen von den Augen,
und er wird wieder jung.

So sollst auch du, Chnstenmensch, wenn du
viel gesündigt hast hinauf in die Höhe gehen,
das ist in dein Gewissen, und dich von dem Felsen
stürzen, das ist der rechte Glaube, deinen Schna-
bel zerbrechen, das ist der Vorwurf deiner Sünde,
dich im Jungbrunnen baden, das sind deine Trä-
nen. Setze dich auf einen Stein der Sonne ent-
gegen, das ist der Heilige Geist, der auf dich die
Hitze der Reue stark werden laßt, wirf von dir
die Schalen, das sind die Sünden, und erneuere
dich wiederum selbst, und du wirst vor Gott
gerecht genannt werden

Schon spricht der Physiologus über den Adler
Moses hat gesagt:  «Wie ein Adler sein Nest hü-
tet und seine Jungen liebt» Der Physiologus
sagt über den Adler, daß er zwei Eigenarten hat
Die erste ist diese: Wenn der Adler sein Nest

6  Adler von einem schwarzfigungen Vasenbild   Attisch   Um 540 \   Chr

baut, hütet er es und paßt auf seine Jungen auf
Wenn aber das Männchen weggeht, hütet das
Weibchen. Und wiederum geht das Weibchen
zum Fressen, und das Mannchen hütet und läßt
an sein Nest weder ein Tier noch eine Schlange
noch einen anderen Vogel nahe kommen, son-
dern hütet es sicher
.

Der heilige Basilius hat gesagt  : Das Nest be-
deutet die Welt.
  Da nun unser Herr Jesus Chri-
stus auf den Kosmos sah und auf seine Jungen,
das heißt die Menschen, und ihn Mitleid erfaßte,
kam er auf sein Nest herab, hielt uns ab von der
Irrfahrt zu den Götzenbildern und von den blut-
trinkenden Juden, die die Propheten getötet ha-
ben, er verfolgte jede  Schlange  und  bewahrte
uns im rechten Glauben, so daß wir immer seine
Gebote beachten und halten und uns in der Kir-
che aufhalten wie im Nest «Er wird deinen Fuß
nicht   gleiten   lassen,   und   der   dich   bewahrt
schlumrnert nicht »


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