Evangelischer Kirchenbauverein

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Thomas Buske:

Ikonographische Notizen zum Altarbild in Wildenhain gemalt 1861 von Alfred Diethe
 

In der Literatur nicht ganz vollständig als Bild des Auferstandenen bezeichnet. - Genau genommen werden die letzten Worte aus der Verklärung Christi dargestellt:
Da sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemanden denn Jesus allein... und er gebot ihnen, daß sie niemandem davon sagen sollten, bis daß des Menschen Sohn von den Toten auferstanden wäre /Mt 17 8.9 (u.p. Mk 9 3ff.;Lk 9 28ff.).
Denn erst hernach verstanden selbst die Jünger, was
wirklich geschehen war und längst beim Propheten (Sacharja) geschrieben stand (Jh 12 16): Siehe, dein König kommt zu dir... und sie zu derselben Klarheit der Erkenntnis Gottes verwandelt werden sollten, nämlich mit aufgedecktem Angesicht in dasselbe Bild (II.Kor 3 18).
Ohne jegliche Erklärung wurden die Jünger in die Nachfolge gerufen (ja, sie wurde ihnen geradezu apodiktische befohlen /Mt 4 19); und so mußten sie es nun hören - nicht nur die Bestätigung von Weihnachten (Psalm 2) oder der Taufe am Jordan: Dies ist mein lieber Sohn... sondern auch Gottes Gebot: ...den sollt ihr hören .


Denn ehe sie sich dessen versahen, waren sie selber hineingezogen in die Verwandlung (die transfiguratio) Gottes; ...und nicht umsonst (oder vergeblich) sollte es ihnen gesagt worden sein; vollständig sollten sie den Heilswillen Gottes verkündigen (pure et recte docetur / CA V).
Die Verklärung oder auch Gottes Offenbarwerden („geboren, nicht geschaffen") umspannte eben gleichermaßen die Verkündigung an die Hirten {...und die Klar heit des Herrn umleuchtete sie /Lk 2 9), wie bis zur Himmelfahrt und dem „Missionsbefehl" (Mt 28 18), ...bis daß ER kommt, wie ihr ihn gesehen habt... (cf.Acta 1 11); und sie dieses also niemandem vorzuenthalten hatten, was als Predigt von Jesus Christus von der Welt her verschwiegen worden war (Rm 16 25):
Denn Gott, der da hieß das Licht aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, daß durch uns entstünde die Erleuchtung von der Erkenntnis der Klar heit im Angesicht Jesu Christi
(II.Kor 4 6).

Das Altarbild in Wildenhain offenbarte mehr als nur eine vielleicht geraffte österliche oder Himmelfahrtsdarstellung. So ist von keinem Oster- oder Himmelfahrtsbild bis zum Ende des Mittelalters bekannt, daß Christus im Licht, wie in der Verklärungsgeschichte (Mt 17 2), gestaltet worden wäre. Österliche Bilder waren: Die Frauen am Grabe, der Wettlauf der Jünger dorthin, oder die Höllenfahrt Christi... erst sehr spät wurde (und dann auch nur) im Westen Christus wiedergegeben, wie er mit der Siegesfahne dem Grabe entstieg. - Erst mit dem Auferstehungsbild auf dem rechten Seitenflügel des Isenheimer Altars (von Grünewald) um 1515 (also in den Jahren, als auch Luther seine ersten Vorlesungen (über die Psalmen und die Genesis) in Wittenberg begann) wurde Christus zum ersten Mal in der Lichtgloriole schwebend über dem Grab und den daneben zu Boden gehenden Wächtern, und nicht anders als die Jünger in der Verklärungsgeschichte /Mt 17 6), dargestellt. Der Auferstandene zeigte seine Nägelmale (cf.Jh 2o 27), wie offenbar auch auf dem Wildenhainer Bild.
Die zeitliche Abfolge wird also zu einem für das Leben eines jeden Einzelnen dann alles entscheidenen Augenblick zusammengefaßt. - Ähnlich wie ein halbes Jahrhundert bereits zuvor beim Thorvaldsen Christus in der Kopenhagener Domkirche. Der dort Einladende trägt bereits jetzt schon, eben noch vor aller Passion die Nägelmale; und die Mühseligen und Beladenen waren ja gerade jene, die es zuvor zu hören bekamen, daß die Heidenstädte Tyrus und Sidon eher in Sack und Asche Buße getan hätte als ihr... (Mt 11 21.28). Denn mit der Predigt von Christus, und wo immer es die Seinen dann auch verkündigten, da begann das Gericht über die W e 11... (Jh 12 31).
Das Urteil Gottes sollte und konnte so nicht mehr zweifelhaft sein. Der Vorhang im Tempel sollte weggerissen werden (Mt 27 51; u.p.), wie auch auf dem unteren Teil des Altarbildes zu sehen, und vor dem dann auch bei vollständiger Ausstattung des Altares das Kruzifix stehen würde.
Der hier Erscheinende ist und war damit auch als der unverwechselbare Herr und Heiland im Ratschluß Gottes zu erkennen. Es ist der hier eben nicht mehr allein gen Himmel zur Rechten Gottes Auffahrende, sondern der auch zugleich jetzt (mit der überraschenden Plötzlichkeit des Geschehens /p.e.Mt 24 27) Widerkommende:
Denn es kommt die Stunde und ist schon jetzt, daß die Toten werden die Stimmen des Sohnes Gottes hören, und die sie hören werden, die werden leben (Jh 5 25).
Die auf dem Bild erhobene Rechte ist nicht zum
Segensgestus (wie zu Himmelfahrt /Lk 24 5o,wenn Mittelfinger und Daumen sich berührten) und nicht zur Rede (identisch mit der Schwurhand) geformt, sondern wie etwa auch die Hand des zum Gericht erscheinenden Christus mit den Kreuzesmalen auf der Stirnwand der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo; ...denn das alles sollte nicht vergeblich gepredigt worden sein oder aber es ginge in Erfüllung, wie der Apostel befürchtete: Oder (warum) verachtetest du den Reichtum Seiner Güte, Geduld und Langmut? Oder wüßtest du nicht, daß Gottes Güte (solange noch gepredigt werden würde) dich zur Umkehr leitete /Rm 2 4). - Das letzte große Marmorbildwerk eines wiederkommenden Herrn stammte von Emil Cauer 1917, ehemals in der Trinitatiskirche / Berlin-Chrlottenburg.
 


Schon in der Frühzeit wurde der Menschgewordene, Christus und Herr auch darum zumeist in der Apsiswölbung oder wenigstens sein Antlitz dort unübersehbar zur Erinnerung und Mahnung gezeigt (wie zum Beispiel besonders eindringlich in der Kathedrale von Monreale).
Und genauso sollte auch das Wildenhainer Bild mit
dem überlebensgroßen Bildnis Christi diese „liturgische" Funktion für die dort gottesdienstlich sich versammelnde Gemeinde erfüllen.
Die vom Maler benutzten Gesichtszüge Christi stehen in fester geschlossener Tradition; alle Bildnisse Christi zeigen das etwa gleiche Antlitz - angefangen von der Christus-Ikone aus dem ö.Jahrhundert im Katharinenkloster auf dem Sinai, aber auch schon früher in der Katakombe des Petrus und Marcellius zu Ende des 4Jahrhunderts... und über das kürzlich wieder aufgefundene „Schweißtuch der Veronika" (oder auch auf dem Turiner Grabtuch), wie auch das Antlitz Christi auf den mittelalterlichen Großkreuzen... und wie sie dann schließlich auch von den Künstlern im 19.Jahrhundert übernommen wurden (in meiner Monographie der „Revelanda Ikonographica" 2oo3 habe ich darauf besonders (227,274,275). hingewiesen).
Der menschlich auch in und aus der Kunstgeschichte vertraute und so auch in jeder Kirche wiederzuerkennende Christus war also unabdingbar für eine jede christlich eindeutige Verkündigung. Ein vorgewendeter und davon abweichender Zeitgeschmack entlarvte sich immer sehr schnell als absichtsvolle Verkürzung des uns aufgetragenen „Wortes vom Glauben und dem Kreuz Christi" (Rmlo 8;I.Korl 18).
Das ursprüngliche R e t a b e 1, in das das Altarbild
eingefügt war, war in Anlehnung an die Portalarchitektur geschaffen, wie sie seit dem Barock auch für die großen Altarwände üblich wurde: das Bild war so Fenster und Tor, Ausgang und Eingang zugleich (Psalm 121 8) - der Blick, der über das Geschaute hinaus tief in das eigene Herz hinabreichte, von und nach oben (und immer von Neuem / Jh 3 3: avcoftev); und beides zugleich niemandem als Predigt erspart werden durfte, so wie nun hier vor diesem ursprünglich gestalteten Altar und seinem Bild. - Oder nach dem Zeugnis des Evangeliums:
Wer mein Wort hört und glaubt an den, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen
(Jh 5 24). Oder wie es auch die gottesdienstlich versammelte Gemeinde singt:
Wir warten dein, o Gottessohn, und lieben dein Erscheinen. Wir wissen dich auf deinem Thron und nennen uns die Deinen. Wer an dich glaubt, erhebt sein Haupt und stehet dir entgegen; du kommst uns ja zum Segen
(EG 152 1 - Philipp Friedrich Hiller 1767)


Und nichts anderes war auch auf dem Bilde in Wildenhain zu sehen.

 


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